{"id":11,"date":"2010-03-29T19:57:55","date_gmt":"2010-03-29T19:57:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=11"},"modified":"2010-03-29T19:57:55","modified_gmt":"2010-03-29T19:57:55","slug":"unter-unbekannten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/unter-unbekannten\/","title":{"rendered":"Unter Unbekannten"},"content":{"rendered":"<p><!-- \t\t@page { margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } --><\/p>\n<p>Bei einer Lesereise begegnen einem jeden Tag f\u00fcnf bis f\u00fcnfzehn Menschen, die einem alle ihre Lebensgeschichte erz\u00e4hlen und alle ein Gesicht haben. Beides vergesse ich sofort wieder, ich nehme an, es handelt sich um eine Schutzma\u00dfnahme meines Gehirns, das sonst wegen \u00dcberf\u00fcllung geschlossen werden m\u00fcsste. Um mir die Leute wenigstens kurzzeitig zu merken, pr\u00e4ge ich mir die Farbe ihres Schlipses ein, oder den Haarschnitt ihres Hundes. Gemein ist, wenn der Hund zum Friseur geht oder die Leute sich umziehen. Einmal begr\u00fc\u00dfte ich einen Schuldirektor, der im Wollpullover vor einer Klasse stand und sang. Eine Stunde sp\u00e4ter sa\u00df der gleichen Direktor, der in Schlips und Kragen im B\u00fcro. \u201eSch\u00f6n\u201c, sagte ich, \u201eSie kennen zu lernen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Auch die Gesichter von St\u00e4dten sind eine t\u00fcckische Sache. Wenn man mich fragt, ob ich \u201ezum ersten Mal hier w\u00e4re\u201c, murmle ich lieber nur unverst\u00e4ndliches. Sabine Ludwig hat erz\u00e4hlt, sie w\u00e4re k\u00fcrzlich durch eine Stadt gelaufen, an die sie absolut keine Erinnerung hatte, obwohl die Bibliothekarin (an die sie auch keine Erinnerung hatte) behauptete, sie w\u00e4re erst vor drei Monaten da gewesen.<\/p>\n<p>Noch schlimmer ist es, wenn man von Anfang an nicht wei\u00df, wer die Leute sind. In einer Autorenrunde sprechen sich alle mit Vornamen an, und dann tut man stundenlang  so, als w\u00fcsste man, wer die anderen w\u00e4ren. \u201eLiebste Antonia, das ist der Hans.\u201c Ja, welcher denn? Magnus Enzensberger? Wie das wohl damals war, als sich Johann Wolfgang und Friedrich vorgestellt wurden und keine Ahnung hatten, was der andere tat?<br \/>\nLetztes Jahr in Leipzig fragte ich beim Fr\u00fchst\u00fcck im Hotel einen jungen Mann: \u201eUnd was machen Sie so bei Oetinger?\u201c<br \/>\n\u201eAch\u201c, sagte er, \u201emehr so die Verwaltung \u2026 ich bin kein Autor &#8230;\u201c<br \/>\nTja, das war Till Weitendorf. Er h\u00e4tte auch sagen k\u00f6nnen: Ich <em>bin <\/em>Oetinger \u2026<br \/>\nDieses Jahr richtet mir auf der Messe in Leipzig eine strahlende junge Frau \u201eGr\u00fc\u00dfe aus der Heimat\u201c aus. Himmel, welche Heimat meint sie? Kommt sie aus meiner Geburtsstadt Kiel? Aus Augsburg, wo ich zur Schule gegangen bin? Aus Indien, wo ich gearbeitet habe?<br \/>\n\u201eIch bin die Bibliothekarin aus Greifswald!\u201c, sagt sie, \u201ewir machen doch dauernd Veranstaltungen zusammen!\u201c \u201eSie haben ihre Haare geschnitten\u201c, sage ich vorwurfsvoll.<br \/>\nAm Abend trifft sich eine Verlagsrunde im Restaurant Coffebaum, dessen Vorstellung von experimenteller K\u00fcche ich schon anderswo beschrieben habe. Ich komme gerade von der Lit Cologne (wo ich eine Dame begr\u00fc\u00dfte, die mich gut kennt, an die ich mich aber nicht erinnere) \u2013 komme jedenfalls zu sp\u00e4t und bewege mich vorsichtig suchend durch das Restaurant. Welche der Gruppen ist der Oetinger Verlag? Frau Bl\u00fcmlein von der Presse muss dort sitzen \u2026Ach, vielleicht sollte ich einfach unauff\u00e4llig wieder gehen. Aber der Herr mit den grauen Locken da dr\u00fcben, der guckt mich so an. Ich gehe im Geiste \u00e4ltere Herren mit Locken durch, die mir bisher begegnet sind: Der Paket-Brieftr\u00e4ger \u2026 drei verschwippschwagerte Gro\u00dfonkel m\u00fctterlicherseits \u2026 der Klempner \u2026 nein! Ich kenne den Herrn von der Oetinger-Homepage! Es ist <em>nicht <\/em>der Klempner. Es ist Paul Maar.<br \/>\nAlso muss das dort der Oetinger-Tisch sein \u2026 Na toll. Frau Bl\u00fcmlein hat ihre Haarfarbe ge\u00e4ndert. Am n\u00e4chsten Morgen im Hotel begr\u00fc\u00dft mich ein Mensch, der entfernt an Kempowski in j\u00fcngeren Jahren erinnert, aber als ich den zuletzt besucht habe, war ich zehn, und ist er nicht seither gestorben?<br \/>\n\u201eIch bin der Oetinger Marketingleiter\u201c, sagt der Mensch. So sollten sich alle Leute vorstellen! Besser noch, sie sollten gro\u00dfe Schilder um den Hals tragen, mit Namen und Funktion. Auf mein Schild schreibe ich: MICHAELIS, VOLLIDIOT. Au\u00dfer mir scheinen immer alle Leute zu wissen, wer alle Leute sind.<br \/>\nDas Fr\u00fchst\u00fcck verbringe ich mit Grit Poppe, die schreibt auch f\u00fcr Oetinger, das wei\u00df ich vom Vorabend (und sie hat ihre Frisur nachts nicht gewechselt, ein Gl\u00fcck) sowie besagtem Marketingleiter. Nach l\u00e4ngerer Unterhaltung sagt sie zu ihm: \u201eAch, sind Sie auch bei Oetinger?\u201c \u201eJa\u201c, sagt er, \u201eaber wer sind <em>Sie<\/em> denn?\u201c<br \/>\nIn Augsburg auf dem Bahnhof winkt mir jemand. \u201eHelfen Sie mir auf die Spr\u00fcnge\u201c, r\u00f6chle ich ersch\u00f6pft. \u201eStadtbibliothek? Autorin? Buchhandlung?\u201c \u201eNein\u201c, sagt sie. \u201eIch bin deine Mutter.\u201c<br \/>\nZu Hause sehe ich in den Spiegel. Irgendwo ist mir die Person darin schon begegnet, aber ich kann mich partout nicht erinnern, wo. Ist es die Klempnerin? Die Brieftr\u00e4gerin? Oder kenne ich sie von der Oetinger Homepage?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurztext: Ich kann mir keine Gesichter merken. Manchmal treffe ich zu Hause einen Mann, der behauptet, mit mir verheiratet zu sein, aber sicher bin ich mir nicht &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-11","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}