{"id":513,"date":"2010-01-12T00:00:00","date_gmt":"2010-01-12T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=513"},"modified":"2010-01-12T00:00:00","modified_gmt":"2010-01-12T00:00:00","slug":"berichterstattung-aus-dem-krisengebiet-ovp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/berichterstattung-aus-dem-krisengebiet-ovp\/","title":{"rendered":"Berichterstattung aus dem Krisengebiet OVP"},"content":{"rendered":"<p>Es wird ja immer mehr zum Trend, bei uns im Vorpommern Urlaub zu machen, R\u00fcgen und Usedom verwandeln sich in Mallorca. Dass nun aber sogar die Tiefdruckgebiete zu uns kommen, hat mich doch erstaunt. Unser neuester Gast hei\u00dft Daisy. Sie hat wohl in einem Prospekt etwas \u00fcber lange wei\u00dfe Str\u00e4nde gelesen, und seitdem sie bei uns weilt, sind die Str\u00e4nde wirklich wei\u00df: Daisy hat Schnee im Gep\u00e4ck.<br \/>Ich meine, dass der Klimagipfel schief gelaufen ist, habe ich ja geh\u00f6rt \u2013 aber soo schief? Die Pole schmelzen ab, na von mir aus, und der Schnee dort verschwindet, na von mir aus, aber muss er ausgerechnet zu uns kommen?<br \/>Nun gut, wenn Daisy kommt, gehen wir. Tats\u00e4chlich muss ich praktischer Weise verreisen, Goethe hat mich angestellt, oder jedenfalls Goethe in seiner instituionalisierten Form: Zuerst soll ich in der T\u00fcrkei und anschlie\u00dfend in Sri Lanka lesen, denn der globalisierte Goethe weilt nicht mehr nur in der Toskana. In Sri Lanka lese ich ein Buch, das in Indien spielt, auf Englisch, und in der T\u00fcrkei lese ich voraussichtlich f\u00fcnf Minuten auf deutsch, was die t\u00fcrkischen Sch\u00fcler nicht verstehen, danach liest ein \u00dcbersetzer eine l\u00e4ngere Version meines Textes auf t\u00fcrkisch, was ich nicht verstehe, und am Ende wird mit den Sch\u00fclern diskutiert \u2013 vielleicht auf chinesisch? Vor der Lesung wollten mein Mann und ich ein paar Abenteuer in Sri Lanka erleben, aber da h\u00e4tten wir nicht so einen teuren Flug buchen m\u00fcssen. Abenteuer gibt es auch zu Hause, dort ist ja jetzt Daisy.<br \/>W\u00e4hrend wir f\u00fcr Sri Lanka packen, spuckt das Radio Katastrophennachrichten aus. Alle Leute in Ostvorpommern sollen sich mit Kerzen und Konservendosen eindecken, die Fenster verriegeln und die Wachhunde festbinden, damit sie nicht wegfliegen \u2026 drau\u00dfen wirft der Sturm Schnee gegen die Fenster, wo er kleben bleibt, bis man nicht mehr hinaussehen kann. Wir wohnen jetzt in einem Iglu. Als wir am Morgen unserer Reise ins Auto steigen wollen, ist die Stra\u00dfe weg. Das Auto \u00fcbrigens auch. Vor unserem Haus liegt ein freies Feld, und s\u00e4mtlicher Schnee ist nachts von diesem Feld zu uns geweht worden &#8211; in h\u00fcbschen gewellten Schneewehen, ungef\u00e4hr schulterhoch, liegt er direkt an unserem Zaun. Schade, dass es keine Schneeschuhe f\u00fcr Autos gibt. Ich gehe tapfer mit meiner Kerze und meiner Konservendose hinaus und versuche, damit den Schnee zu beseitigen, aber wie war das eigentlich gemeint? Soll man den Schnee mit der Kerze schmelzen? Oder damit in die Konservenb\u00fcchse schaufeln? Mein Mann telefoniert mit dem Katastrophenschutz. Wir sollten nur die Bundesstra\u00dfen benutzen, sagt die nette Dame dort. Ja, aber da m\u00fcssen wir ja erst mal hinkommen!, ruft mein Mann. Wird denn hier bei uns nicht ger\u00e4umt? Doch, sagt die nette Dame, es gibt eine Schneefr\u00e4se. Aber die steckt ein Dorf weiter im Schnee fest. Was ist eigentlich eine Schneefr\u00e4se?, frage ich. Ach, so ein Ding, dass den Schnee in sich hinein frisst und zu den Seiten wegpustet, sagt mein Mann. Aha. Es war gar nicht Daisy. Ganz hinten auf dem Feld steht eine riesige Schneefr\u00e4se, die Amok l\u00e4uft und uns mit Schnee bespritzt &#8230;<br \/>Wir sitzen auf gepackten Koffern und warten. Das Licht flackert, der Strom geht an und aus. Kein R\u00e4umdienst kommt vorbei. Vielleicht sollten wir das Auto \u00fcber die Schneewehen tragen? Wir packen die Koffer neu. Wir haben eigentlich nichts mehr zu essen im Haus, wir wollten ja f\u00fcr drei Wochen verreisen. Wir lutschen etwas Schnee und warten weiter. Es ist ein bisschen wie auf der Flucht.<br \/>Schlie\u00dflich kommt ein heldenhafter Bauer mit seinem Traktor vorbei und schiebt tats\u00e4chlich eine Art Rinne in die Schneewehen auf der Stra\u00dfe. \u201eJetzt!\u201c, schreie ich. \u201eWir m\u00fcssen schnell los, ehe alles wieder zu weht!\u201c Leider hat der Traktor die Schneemassen auf unser Auto geschoben. Fluchend schaufeln wir es frei, das Murmelkind schreit, es denkt, dass die Welt untergeht, und vielleicht hat es recht. \u201eWir kommen nie mehr nach Berlin&#8230;\u201c, keuche ich, \u201ewir nie mehr hier raus &#8230;\u201c<br \/>Schlie\u00dflich sind wir aber doch auf der Stra\u00dfe nach Anklam, einer spiegelglatten Stra\u00dfe. Wir fahren Seitenstrecken, wir fahren Umwege, die vielleicht ger\u00e4umt sind, wieder kommen einem diese Gedanken an 45: Da dr\u00fcben k\u00f6nnen wir nicht mehr lang, da haben sie die Br\u00fccke schon gesprengt \u2026 in unserem Fall ist die Br\u00fccke nat\u00fcrlich nur verschneit, und solche Vergleiche sind ganz geschmacklos. Aber sie passen so gut. Vor dem Bahnhof in Anklam sitzen zitternde Fl\u00fcchtlinge auf ihren Koffern. Die Usedomer B\u00e4derbahn ist nachts entgleist, dies scheinen die \u00dcberlebenden zu sein. Es fahren keine Z\u00fcge nach Berlin. Man hat vage Informationen, dass ab Prenzlau Z\u00fcge fahren. Wir haben im Auto Platz f\u00fcr zwei Fl\u00fcchtlinge, die seit dem vorigen Abend unterwegs sind, nehmen sie auf und stopfen ihr Gep\u00e4ck zu Schneeschippe und Schaufel ins Auto. An der Tanke machen wir einen Gro\u00dfeinkauf mit \u00dcberlebensmitteln, wir werden sie rationieren, bis Prenzlau ist es weit. Wir fahren Schrittgeschwindigkeit. Eine Kette von anderen Fl\u00fcchtlingsfahrzeugen f\u00e4hrt mit uns nach Prenzlau. Werden wir es schaffen, rechtzeitig rauszukommen, ehe der Russe \u2026 ich meine: Daisy \u2026 uns ganz eingekesselt hat? Am Stra\u00dfenrand steckt ein anderes Auto fest. Die Wagen vor uns fahren vorbei, kaltherzig nur aufs eigene \u00dcberleben bedacht, hier anzuhalten kann t\u00f6dlich sein, wer sich nicht mehr bewegt, steckt schnell im Schnee fest, oder vielleicht frieren die Reifen auch einfach am Boden an \u2026 wir jagen unsere Fl\u00fcchtlinge aus dem Auto und schieben alle gemeinsam das andere Fahrzeug an. Bl\u00f6d, dass hier so selten Schneefr\u00e4sen vorbeikommen!, rufe ich dem Fahrer gegen den Sturm zu. Es kommen doch welche vorbei!, ruft er zur\u00fcck. Was glauben sie, wer mein Auto in die Schneewehe geschoben hat? Wir schaufeln den Wagen frei, wir keuchen und schwitzen, wir legen M\u00fctzen unter die Reifen (wirklich), um dem Wagen Halt zu geben, und schlie\u00dflich haben wir es geschafft und st\u00fcrzen jubelnd zur\u00fcck ins eigene Auto. Zum Gl\u00fcck ist es inzwischen nur geringf\u00fcgig eingeschneit und steckt auch nur ein bisschen fest.<br \/>Auf der Strecke nach Prenzlau telefoniert eines unserer Fl\u00fcchtlingsm\u00e4dchen die ganze Zeit mit seinem Vater, der vor dem Computer sitzt und uns mit Informationen versorgt: Ganze D\u00f6rfer in Vorpommern sind von der Umgebung abgeschnitten, die Deiche brechen, auch in Prenzlau fahren keine Z\u00fcge mehr. An der Strecke liegen erste Tote \u2026 ach nein, es sind nur abgebrochene \u00c4ste. Die Schneewehen, die sich an den Leitplanken auft\u00fcrmen, sind meterhoch.<br \/>Und dann die erl\u00f6sende Nachricht: Es gibt wieder Z\u00fcge ab Prenzlau! Am Bahnhof kauert eine Ansammlung dunkler Gestalten, andere Fl\u00fcchtlinge aus ganz Vorpommern haben sich dort gesammelt. Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu. Der Zug wird kommen.<br \/>Und er kommt. Schlingernd bewegt er sich \u00fcber die Geleise, in seinem \u00fcberf\u00fcllten Inneren kauern die Menschen mit nassen F\u00fc\u00dfen und stumpfen Augen, sie haben das Grauen gesehen \u2026 in Berlin setze ich meinen Mann und das Murmelkind in einen Zug nach K\u00f6ln, unsere Wege trennen sich vor\u00fcbergehend, wir werden uns erst in Sri Lanka wiedersehen. Aber werden wir uns wiedersehen? Auch hier sind die Bahnsteige \u00fcberf\u00fcllt, von dem versprochenen Zug f\u00e4hrt nur die H\u00e4lfte, die andere H\u00e4lfte ist vielleicht irgendwo festgefroren. Beim Einsteigen der Massen gibt es herzzerrei\u00dfende Szenen, erste Opfer werden vermutlich tot getrampelt. Ich vermeide einen tr\u00e4nenreichen Abschied und steige in ein Berliner Taxi, denn ich habe in der Stadt noch zu tun.<br \/>Der Taxifahrer mustert meine zerrissene, schneebedeckte Kleidung, mein sturmzerzaustes Haar und meinen verzweifelten Blick und sagt: \u201eIch habe geh\u00f6rt, in Ostvorpommern schneit es ein bisschen?\u201c<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daisy hat uns. Ein Fluchtbericht aus dem Bundesland der Finsternis.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=513"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/513\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}