{"id":514,"date":"2009-12-22T00:00:00","date_gmt":"2009-12-22T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=514"},"modified":"2009-12-22T00:00:00","modified_gmt":"2009-12-22T00:00:00","slug":"weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/weihnachtsgeschichte\/","title":{"rendered":"Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein Samstag im Advent, als ich meinen Bruder zum ersten Mal sah. Ich war zehn, er vierundzwanzig. Er war Papas Sohn, aus den \u201ewilden Jahren\u201c, fr\u00fcher, als Papa eine andere Freundin gehabt hatte. Mein Bruder hie\u00df Pit und war kein Umgang f\u00fcr mich. Sagte Mama. Er reiste durch die Welt und wechselte die Freundinnen wie die Unterw\u00e4sche, und vielleicht lebte er vom Drogenschmuggel. Sagte Mama. Und dann stand&nbsp; an jenem Samstag pl\u00f6tzlich vor unserer T\u00fcr in Berlin. Er trug einen grauen Wollpullover, und seine Haare waren schwarz gef\u00e4rbt. Wirklich gef\u00e4hrlich sah er nicht aus. Er l\u00e4chelte.<br \/>\u201eHallo Leo\u201c, sagte er. \u201eIch hab dir noch nie was zu Weihnachten geschenkt. Und nun bin ich zuf\u00e4llig hier in Berlin, da dachte ich, ich schenk dir was.\u201c<br \/>\u201eIst doch noch gar nicht Weihnachten\u201c, sagte ich. \u201eHeute.\u201c<br \/>\u201eF\u00fcr uns schon\u201c, sagte Pit. \u201eUnd ich schenke dir diesen Tag. Wenn du willst.\u201c<br \/>Hinter Pit stand ein M\u00e4dchen mit Haaren in allen Regenbogenfarben und einer gelben Strumpfhose. Man sah die Strumpfhose sehr gut, weil das M\u00e4dchen fast keinen Rock anhatte. \u201eMelosine Kraweel\u201c, sagte sie und knickste.<br \/>Mama und Papa waren nicht so daf\u00fcr, dass ich den Tag mit Pit und \u201cso einer\u201d verbrachte. Sie war bestimmt auch kein Umgang f\u00fcr mich. Schlie\u00dflich gab Papa aber nach und seufzte und dr\u00fcckte Pit einen Schein in die Hand. Er murmelte etwas \u00fcber Mittagessen, und Mama murmelte, dass Melosine gar kein Name w\u00e4re. Dann war ich alleine mit Pit und Melosine.<br \/>\u201eWas willst du machen?\u201c, fragte Pit. \u201eEs ist dein Tag. Du entscheidest.\u201c<br \/>Ich entschied mich f\u00fcr den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz. Den mochte Mama nicht, weil er so unweihnachtlich laut war. Es gab Autoscooter dort.<br \/>In der U-Bahn guckte ich die ganze Zeit Melosine an. Sie hatte einen sehr sch\u00f6nen Busen unter ihrer engen Joggingjacke.<br \/>Beim Autoscooter teilte ich mit Pit ein Auto. Wir rammten Melosines Auto dreimal, und sie lachte. \u201cSag mal\u201d, begann ich. \u201eWie \u2026 wie oft wechselst du so die Freundin?\u201c<br \/>\u201eOh, so drei, vier mal \u2026 am Tag\u201c, meinte Pit. Das war nat\u00fcrlich Unsinn.<br \/>\u201eNach dem Autoscootern machen wir eine Wette\u201d, sagte ich. \u201cWer am meisten gebrannte Mandeln in den Mund stecken kann.\u201c<br \/>Neben dem Mandel-Stand sa\u00df ein Bettler mit einem Pappbecher in den rotgefrorenen H\u00e4nden. Pit nahm den Schein von Papa aus der Tasche. Es waren 50 Euro. \u201eNett gemeint\u201c, sagte Pit. \u201eAber unn\u00f6tig.\u201c Damit steckte er den Schein in den Becher des Bettlers und bezahlte die gebrannten Mandeln mit kleinen M\u00fcnzen.<br \/>\u201eMan soll denen kein Geld geben!\u201c, fl\u00fcsterte ich. \u201eSagt Mama. Die kaufen blo\u00df Schnaps!\u201c<br \/>\u201eWas sollen wir ihm denn zu Weihnachten schenken?\u201c, fragte Melosine sanft. \u201eEine Bibel?\u201c<br \/>Und sie stopfte so viele Mandeln in ihren Mund, dass sie nicht nur aussah wie ein Hamster sondern wie zwei Hamster. Ich lachte, und dann stopfte ich meinen Mund auch mit Mandeln voll. Es war unm\u00f6glich zu sagen, wer die Wette gewonnen hatte.<br \/>\u201eSchade, dass es nicht schneit\u201c, sagte ich.<br \/>\u201eWir k\u00f6nnten nachhelfen\u201c, sagte Pit. Melosine und ich folgten ihm ins Kaufhaus am Alex, wo es warm und stickig war. Melosine machte den Rei\u00dfverschluss ihrer Jacke auf, und man sah ihren h\u00fcbschen Busen in dem T-Shirt noch besser. Im obersten Stockwerk gingen wir in ein Kleidergesch\u00e4ft und Pit \u00f6ffnete ganz hinten ein Fenster. Dann zerriss er die Mandelt\u00fcte in kleine St\u00fcckchen und lie\u00df sie aus dem Fenster rieseln. Hier und da bekam jemand eine Papierflocke auf die Nase und wunderte sich.<br \/>\u201ePrima\u201c, sagte Melosine und k\u00fcsste Pit, mitten zwischen den Unterhosen im Kaufhaus. \u201eAber jetzt will ich richtigen Schnee. In einem Park, ganz romantisch.\u201c<br \/>Und deshalb fuhren wir mit der S-Bahn zum Volkspark Friedrichshain. Melosine lief auf eine verlassene Wiese hinaus, hob die Arme, sah zum Himmel \u2013 und es begann, wirklich, zu schneien. Nur ein bisschen, aber immerhin.<br \/>\u201eMelosine\u201c, wisperte Pit hinter mir, \u201ekann n\u00e4mlich zaubern.\u201c<br \/>Wir wanderten durch den Park, zwischen den Flocken, wir zu dritt, und es war wunderbar. \u201eSo\u201c, sagte Melosine, \u201eund jetzt lasst mich allein. Denn jetzt weine ich.\u201c Sie l\u00e4chelte mich an. \u201eIch weine jeden Tag zehn Minuten lang. Um alles. Um die Bettler. Und die Kriege. Und die Kinder, die sterben m\u00fcssen.\u201c Damit drehte sie sich um und ging zu einer&nbsp; Parkbank, um zu weinen.<br \/>\u201eUnd \u2026 wir?\u201c, fragte ich verwirrt.<br \/>\u201eWir warten, bis sie mit dem Weinen fertig ist\u201c, sagte Pit. Er z\u00fcndete sich eine Zigarette an und rauchte eine Weile schweigend, und ich fragte mich, ob irgendwie Drogen in der Zigarette waren, weil Mama das gesagt hatte. Aber es f\u00fchlte sich gut an, mit Pit zusammen zu schweigen. \u201eMelosine stirbt n\u00e4mlich\u201c, sagte er pl\u00f6tzlich.<br \/>\u201eWaas?\u201c, fragte ich entsetzt. \u201eWie? Wann? Bald? Woran denn?\u201c<br \/>Pit trat die Zigarette aus. \u201eDie \u00c4rzte finden nichts. Aber sie wei\u00df, dass sie stirbt.\u201c<br \/>\u201eAch\u201c, sagte ich, und mir war ganz seltsam. Vielleicht, dachte ich, war Melosine nur ein bisschen verr\u00fcckt und w\u00fcrde nicht wirklich sterben. Hoffentlich. Nach zehn Minuten stand sie auf und wischte sich die Augen trocken. \u201eZeit\u201c, sagte sie, \u201ef\u00fcr einen Schneemann.\u201c<br \/>\u201eDazu reicht der Schnee nie im Leben\u201c, meinte ich.<br \/>\u201eWirst schon sehen\u201c, sagte Pit. Er ging zu einem M\u00fclleimer und begann, Dinge herauszunehmen: T\u00fcten, Flaschen, Papier \u2026 Dann holte er eine Rolle Klebeband aus der Tasche. Und dann &#8211; dann bauten wir einen Schneemann aus M\u00fcll. Als Nase ben\u00fctzten wir eine abgebrochene Flasche. Und ich dachte, dass es sicher verboten war, die M\u00fclleimer auszuleeren. Aber dann verga\u00df ich es gleich wieder, denn dann geschah ein Wunder: Der Schnee blieb als d\u00fcnne Schicht auf dem M\u00fcll liegen und verzauberte unseren M\u00fcllmann in einen richtigen Schneemann. \u201eSch\u00f6n\u201c, seufzte Melosine.<br \/>\u201eAber es wird sp\u00e4t\u201c, meinte Pit. \u201eWir m\u00fcssen Leo zur\u00fcckbringen. Und etwas essen.\u201c<br \/>Da nahm Melosine mich an der einen Hand und Pit an der anderen und wir rannten los, durch den Schnee, zur\u00fcck zur S-Bahn-Station. Beim Umsteigen kauften wir Currywurst, und als wir uns in die zweite S-Bahn quetschten, k\u00fcsste Melosine mich auf die Backe.<br \/>\u201eFrohe Weihnachten, Leo\u201c, fl\u00fcsterte sie.<br \/>\u201eMann!\u201c, sagte ich. \u201eMir ist auf einmal so weihnachtlich, dass ich fast singen k\u00f6nnte!\u201c<br \/>Pit und Melosine sahen sich an. Und begannen, zu singen. Mitten in der \u00fcberf\u00fcllten S-Bahn. Ganz laut. Stille Nacht, sangen sie, heilige Nacht \u2026 obwohl es in der S-Bahn gar nicht still und heilig war und auch nicht Nacht, sondern grell beleuchtet. Melosine hatte eine wundersch\u00f6ne Stimme, hoch und klar wie ein Winterhimmel, und Pit sang tief wie der Schnee unter dem Winterhimmel. Ich holte Luft und sang mit. Alle Leute guckten, doch das war mir egal. \u201eDenkt blo\u00df nich, ihr kriecht Jeld f\u00fcr det Jesinge\u201c, sagte jemand. Aber ein kleines M\u00e4dchen ganz hinten in der Bahn, das l\u00e4chelte uns an.<br \/>Als wir wieder vor unserer Haust\u00fcr standen, war es dunkel geworden. Die Schneeflocken waren verschwunden. Der Himmel hing voller Sterne.<br \/>\u201eNa dann\u201c, sagte Pit. Melosine umarmte mich. Sie roch nach Sonnenschein. \u201eSag ihnen, dass ich kein Geld brauche, ja?\u201c, bat Pit. Dann verschluckte der Abend ihn und Melosine.<\/p>\n<p>Im Bett erz\u00e4hlte ich Mama und Papa, dass wir den Schnee gerufen hatten. Und einen Schneemann gebaut, aus M\u00fcll. \u201ePapas Geld haben wir einem Bettler geschenkt\u201c, fuhr ich fort. \u201eUnd &#8211; Mama? Du solltest was engeres anziehen. Du hast so einen sch\u00f6nen Busen, aber man sieht ihn nie.\u201c<br \/>\u201eSiehst du?\u201c, sagte Mama zu Papa. Sie klang sauer, obwohl ich ihr doch etwas nettes gesagt hatte. \u201ePit ist kein Umgang f\u00fcr Leo.\u201c<\/p>\n<p>Kurz nach Weihnachten kam ein Brief f\u00fcr mich. Von Pit. Mama wollte am liebsten, dass ich ihn gar nicht las, weil Pit doch kein Umgang f\u00fcr mich war.<br \/>Lieber Leo, stand in dem Brief. Melosine ist tot. Es war ein Verkehrsunfall, zwei Tage vor Weihnachten. Ich glaube, sie war gl\u00fccklich, dass sie vorher noch mit uns einen Schneemann gebaut hat und gesungen. Sie ist unter einem anderen Namen begraben worden. Melosine Kraweel hie\u00df sie nur an diesem Weihnachtstag. Ich bin nicht mehr in Berlin. Bis irgendwann, Dein Pit.<br \/>\u201eSo\u201c, sagte ich zu Mama und Papa. \u201eJetzt m\u00fcsst ihr mich in Ruhe lassen, denn jetzt weine ich. Um die Bettler und die Kinder, die sterben m\u00fcssen. Und um Melosine.\u201c<br \/>\u201eWer ist Melosine?\u201c, fragte Papa.<br \/>Ich setzte mich an mein Fenster, vor dem es nicht schneite, und dachte an Melosines gelbe Strumpfhosen und an Pit. Irgendwann w\u00fcrde er wieder anrufen. Und dann w\u00fcrden wir merkw\u00fcrdige Dinge tun wie M\u00fcllm\u00e4nner bauen und Bettlern Geld f\u00fcr Schnaps schenken. Im Wohnzimmer h\u00f6rte ich Mama und Papa \u00fcber das Fernsehprogramm reden. Manchmal denke ich, ich bin kein Umgang f\u00fcr Mama und Papa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Samstag im Advent, als ich meinen Bruder zum ersten Mal sah&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-514","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weihnachten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=514"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}