{"id":517,"date":"2009-10-27T00:00:00","date_gmt":"2009-10-27T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=517"},"modified":"2009-10-27T00:00:00","modified_gmt":"2009-10-27T00:00:00","slug":"schwedische-oktoberfrische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/schwedische-oktoberfrische\/","title":{"rendered":"Schwedische Oktoberfrische"},"content":{"rendered":"<p>In Schweden, dachten wir, gibt es den ganzen Tag hei\u00dfen Gl\u00f6gg und Elche. Weit gefehlt: Es gibt gar nichts, denn die Gl\u00f6gg-Kneipen haben ab Oktober zu und die Elche sind nicht da. Und es ist kalt. Wir tragen seit Tagen so viele Kleiderschichten, dass wir uns gegenseitig nur noch schlecht erkennen, manchmal verwechsle ich jetzt meinen Mann mit dem Murmelkind.<br \/>Nicht einmal Caf\u00e9s gibt es, in denen man sich nach den windigen Spazierg\u00e4ngen aufw\u00e4rmen kann: Der Schwede von heute trifft sich n\u00e4mlich nicht im Caf\u00e9, er trifft sich beim Nordic Walking, immer rund um die n\u00e4chste kalte Windm\u00fchle. Oder beim Surfen bei Windst\u00e4rke 13, und zwar im Minirock. Wir haben begonnen, Thermounterw\u00e4sche zu stricken, als die T\u00fcr des Ferienhauses zufriert. Da beschlie\u00dfen wir, zu entfliehen. Wir sprengen die T\u00fcr auf, in dem wir alle drei gleichzeitig niesen, und fahren zum n\u00e4chsten geheizten Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische schwedische Designkunst. Es ist blaugelb und hei\u00dft IKEA.<br \/>\u201eBei Ikea\u201c, erkl\u00e4re ich meinem Mann, der noch nie da war, \u201egibt es immer ein gem\u00fctliches Caf\u00e9 im Eingangsbereich.\u201c Ich hatte vergessen, dass wir in Schweden sind. Das Caf\u00e9 gibt es nicht. Geheizt ist auch nicht. Stattdessen finden wir einen Automaten mit Kaffee zum Selbstzusammenbauen&nbsp; (sp\u00e4ter erz\u00e4hlt mir eine Freundin von einem Ikea-Ersatz-Schrauben-Automaten. Wir m\u00fcssen das f\u00fcr den Kaffeeautomaten gehalten haben. Es erkl\u00e4rt, weshalb man den Kaffee so stark kauen musste)<br \/>Sicher, denken wir, k\u00f6nnen wir bei der Ikea-Feinkost-Abteilung endlich Gl\u00f6gg kaufen. In Deutschland gibt es bei Ikea Gl\u00f6gg. In Schweden nicht. Hier haben sie nur deutsches Schokoladeneis. Elche haben sie keine. Wir ziehen eine achte, neunte und zehnte Schicht Pullover an und stopfen das Murmelkind in einen Superthermoanzug. Dann machen wir uns auf die Reise, hindurch zwischen Gorms und L\u00e4mpfen, N\u00f6tr\u00f6siks und Toppen, Kompjes und S\u00e4dels\u00f6ren, und nat\u00fcrlich f\u00e4llt uns ein, dass wir all diese Dinge immer schon gebraucht haben. Das Murmelkind, das sich in seinen zehn Pulloverschichten schlecht bewegen kann, rollt \u00fcber den Fu\u00dfboden und begegnet dort einer t\u00fcrkisen Giraffe mit roten Klumpf\u00fc\u00dfen, die singt, wenn man ihren Hals lang zieht. Die evolution\u00e4re Weiterentwicklung der Elche? Als wir schlie\u00dflich ersch\u00f6pft an der Kasse ankommen, merken wir, dass wir nur unverk\u00e4ufliche Ausstellungsexemplare eingepackt haben. \u201eIch husche schnell noch mal zur\u00fcck\u201c, sagt mein Mann, \u201eund tausche die S\u00e4chen \u00f6m &#8230;\u201c<br \/>Tja, seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Wir wohnen jetzt hinter Kasse vier, gleich neben den H\u00f6mpsen. \u201eMama\u201c, sagt ein kleines M\u00e4dchen auf englisch und zeigt auf uns, \u201ewas sind denn die runden Strickm\u00f6bel da, das gro\u00dfe und das kleine?\u201c<br \/>\u201eSehen kalt aus\u201c, antwortet die Mutter. \u201eSicher Frier\u00f6s &#8230;\u201c<br \/>Nein, das ist gelogen, wir haben Ikea wieder verlassen, da sie das Gesch\u00e4ft bis zum n\u00e4chsten April dicht machen wollten. Lund, hatten wir geh\u00f6rt, w\u00e4re eine sehr gem\u00fctliche Stadt. Vielleicht gibt es dort offene Caf\u00e9s? Nun, der Schwede ist ein erstaunliches Gesch\u00f6pf: Wenn er es gem\u00fctlich haben m\u00f6chte, geht er nicht in ein Caf\u00e9. Er geht in eine Kirche. Die sind n\u00e4mlich geheizt. Dort setzt sich der Schwede an einen Ikea-Kindertisch (wirklich!) und malt mit Wachsstiften gro\u00dfformatige Bilder, die dann in der Krypta neben den versteinerten M\u00f6nchen als moderne Kunst ausgestellt werden. Jedenfalls in Lund. In Ystad ist die Kirche ab Oktober zu, was uns irgendwie gar nicht wundert. Wir finden wieder keine Elche und die Schweden, die es gem\u00fctlich haben wollen, im einzigen offenen Pub. Sie starren alle in eine Richtung, und ich erwarte, dort einen Fernseher vorzufinden. Nein, s\u00e4mtliche Schweden starren einen blinkenden Spielautomaten an, an dem niemand spielt. Schweden muss ein sehr langweiliges Land sein. Vielleicht liegt es an diesem Mangel an Elchen. <br \/>Auf der F\u00e4hre nach Deutschland treffen wir ein anderes deutsches Paar. Sie tragen zwanzig Schichten Pullover und zwei Schneeanz\u00fcge. Sie waren im Norden. Und sie kennen sich aus in Schweden. \u201eWarum\u201c, frage ich zaghaft, \u201esieht man hier eigentlich nirgendwo Elche?\u201c<br \/>\u201eElche\u201c, sagt der Mann und r\u00fcckt seinen selbstheizenden Thermoschal zurecht, \u201egibt es nur in Nordschweden. In S\u00fcdschweden ist es ihnen zu warm.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher waren mehr Elche. Heute gibt es nur Gorms und Toppen. Bald werden sicher die Stra\u00dfenschilder ge\u00e4ndert: Vorsicht, kreuzende Ikeam\u00f6bel!<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}