{"id":518,"date":"2009-10-13T00:00:00","date_gmt":"2009-10-13T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=518"},"modified":"2009-10-13T00:00:00","modified_gmt":"2009-10-13T00:00:00","slug":"killevipps","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/killevipps\/","title":{"rendered":"Killevipps"},"content":{"rendered":"<p>Wir planen, man h\u00f6re und staune, einen Kurzurlaub. Die gew\u00f6hnlichen Urlaubsziele fallen diesmal flach: China ist leer, die Chinesen sind bis auf die paar verbotenen alle auf der Buchmesse, in Amerika kann man nicht mehr davor sicher sein, unerwartet irgendwelche Nobelpreise aufs Auge gedr\u00fcckt zu bekommen, und auf den Mond schie\u00dfen sie jetzt Raketen. \u201eFahren wir doch nach Schweden\u201c, sagt mein Mann. \u201eDa ist die Natur schon wieder weiter als hier. Die B\u00e4ume h\u00e4ngen voll goldener Bl\u00e4tter, und \u00fcberall stehen Elche vor den Fenstern behaglicher rotwei\u00dfer Caf\u00e9s.\u201c<br \/>Als wir von Bord der F\u00e4hre gehen, pfeift uns ein eisiger Wind entgegen. Die Natur ist wirklich viel weiter als bei uns: Die B\u00e4ume sind kahl. Elche sind keine da. Wir ziehen uns und dem Murmelkind eine zweite Pulloverschicht an und fahren zu unserem Ferienhaus an der Ostk\u00fcste. \u201eDas ist ganz kurz, alles Autobahn, wir sind gleich da\u201c, sagt mein Mann. Doch so schnell geht es nicht, denn in Schweden ist alles kleiner. Die rotwei\u00dfen H\u00e4user sind kleiner, die Pferde sind kleiner, und die Autobahnen sind so breit wie deutsche Fahrradwege. Sp\u00e4t nachts finden wir unser Ferienhaus mit Hilfe der Taschenlampe und der akkuraten Beschreibung des Vermieters: Es ist rot-wei\u00df. In der K\u00fcche gibt es noch mehr kleine Dinge: Die Saftgl\u00e4ser fassen 30 ml, wenn man sie bis zum Rand f\u00fcllt, Suppe isst man mit Eierl\u00f6ffeln, und Tee trinkt man aus einer Art Fingerhut mit Henkel. Das ist erstaunlich, denn der Schwede an sich ist nicht klein, er hat die Form eines (gr\u00f6\u00dferen) Schranks, was unter anderem daran liegt, dass er sich von Mayonnaise ern\u00e4hrt. Zum Gl\u00fcck finden wir zwei Blumenvasen, aus denen wir unseren Kaffee trinken k\u00f6nnen. Man muss in Schweden n\u00e4mlich viel hei\u00dfen Kaffee trinken: Der Wind wird jeden Tag eisiger. Wir ziehen eine vierte Schicht Pullover an, setzen dem Murmelkind eine Fellm\u00fctze auf und wandern durch die schwedische Trolllandschaft. Elche sind keine da. Am zweiten Tag \u00e4ndert sich das Wetter. Es regnet jetzt. Wir verpacken das Murmelkind in einen Ganzk\u00f6rpergummianzug und fahren zur Insel \u00d6land. \u201eIm Oktober\u201c, sagt mein Mann, \u201esind in Schweden nicht nur die Bl\u00e4tter golden. Hier sammeln sich auch Schw\u00e4rme von Singv\u00f6geln, um nach S\u00fcden ziehen.\u201c Na, das kann man verstehen. \u201eGoldammern! Zaunk\u00f6nige! Rotkehlchen!\u201c, frohlockt mein Mann, \u201edie kann man alle auf \u00d6land sehen! Au\u00dferdem bl\u00fchen dort ganz seltene Orchideen &#8230;\u201c \u00d6l hei\u00dft auf schwedisch Bier, wir besuchen also eine Bierinsel. Von fleischfressenden Orchideen hat man ja schon geh\u00f6rt. Aber von biertrinkenden \u2026?<br \/>Nat\u00fcrlich sind die Orchideen in Wirklichkeit l\u00e4ngst erfroren. Daf\u00fcr fallen die Singv\u00f6gel erstaunlich gro\u00df aus. Die Rotkehlchen gleichen alle eher gew\u00f6hnlichen G\u00e4nsen. Wom\u00f6glich liegt es daran, dass es welche sind \u2026 \u201eAuf keinen Fall,\u201c sagt mein Mann. Wir ziehen dem Murmelkind Thermostrumpfhosen an und pilgern zu \u00d6lands Leuchtturm, wo die Bronzeskulptur eine Ga \u2013 Verzeihung, eines hypertrophen schwedischen Rotkehlchens steht, mit Nils Holgersons Schuhen. Das mit der Gans in Frau Lagerl\u00f6fs Geschichte muss ein \u00dcbersetzungsfehler gewesen sein. Das Museum hinter dem Rotkehlchen hat von Oktober bis April zu. \u00dcberhaupt hat alles in Schweden ab dem 1. Oktober zu, das Land ist in einen verfr\u00fchten und resoluten Winterschlaf gefallen.<br \/>Das einzige, was man trotzdem besichtigen kann, sind die Schiffsetzungen auf den H\u00fcgeln am Meer. Wir versorgen das Murmelkind mit Thermo-Ohrenw\u00e4rmern und begeben uns zu einer solchen, wo (nach dem 1. Oktober) Windst\u00e4rke 13 herrscht, ab und zu weht eine Kuh (oder ein gansgro\u00dfes Rotkehlchen) vorbei. Elche gibt es keine. Eine Schiffsetzung ist eine Sache aus dicken, schweren Steinen, von der keiner wei\u00df, wozu sie da war. Vielleicht waren es Gr\u00e4ber, vielleicht Tempel, vielleicht Sonnenuhren \u2013 oder \u00f6ffentliche Klos. Die Steine stehen in einem leicht misslungenen Oval, und dort, wo beim Schiff das Steuer w\u00e4re, \u00fcberragt ein h\u00f6herer Fels die \u00fcbrigen. Irgendwie wirken die Steine beinahe schrankf\u00f6rmig &#8230; Ich glaube, es handelt sich um versteinerte Schweden, erst erfroren, dann versteinert, so muss es gewesen sein. Sie haben sich auf der entsprechenden Wiese zum \u00d6ltrinken versammelt, da es jedoch ein Tag nach dem 1. Oktober war, hatte die \u00d6lschenke bis April geschlossen. Der hohe Stein ist ein besonders gro\u00dfer Schwede, der dazu auserkoren wurde, nach den zur\u00fcckkehrenden Schw\u00e4rmen von Rotkehlchen Ausschau zu halten, die den Fr\u00fchling ank\u00fcndigten \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 ist ein gutes Wort, um sich selbst zu verkleinern, aber muss man es auf Autobahnen und Kaffeetassen anwenden?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-518","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/518","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=518"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/518\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}