{"id":527,"date":"2009-03-03T00:00:00","date_gmt":"2009-03-03T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=527"},"modified":"2009-03-03T00:00:00","modified_gmt":"2009-03-03T00:00:00","slug":"der-letzte-titel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/der-letzte-titel\/","title":{"rendered":"Der letzte Titel"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Kollegen, Ihr kennt die Kinderfrage: <br \/>\u201cWie machst du es eigentlich, dass die Buchseiten hinten zusammen-<br \/>kleben? Wie erfindest du die \u00dcberschrift? Und mit was f\u00fcr Stiften hast du das Bild vorne draufgemalt?\u201d <br \/>Obwohl es ein Gl\u00fcck ist, dass wir die B\u00fccher nicht zu tausenden zusammenleimen m\u00fcssen, ist es tragisch, dass wir weder das Bild malen noch die \u00dcberschrift erfinden d\u00fcrfen. <br \/>Mal angenommen, liebe Kinder, ihr schreibt&nbsp; ein Buch \u00fcber eine blaue Giraffe, die eine Weltreise macht. Dann ruft zehn Monate sp\u00e4ter der Verlag an und sagt: Wir haben den perfekten Titel gefunden! DER ROTE FROSCH MIT DER LUNGENENTZ\u00dcNDUNG. Solltet ihr dagegen sein, weil weder ein Frosch noch eine Lunge vorkommen, ganz zu schweigen von einer Entz\u00fcndung, wird man euch antworten: \u201cAch, so einen kleinen Frosch wird man wohl noch reinschreiben k\u00f6nnen.\u201d Einmal habe ich ein Buch \u00fcber Christian Morgenstern geschrieben und verschiedene Titelvorschl\u00e4ge geliefert &#8211; lauter Wortspiele rund um \u201cMorgenstern\u201d. Am Ende meinte der Verlag, eigentlich sollte das Wort \u201cMorgenstern\u201d nun doch nicht in den Titel. Und wie hie\u00df das Buch, als ich es kurz darauf in der Hand hielt? Kurz und knapp: \u201cMorgenstern\u201d. Ein andermal schrieb ich ein Abenteuerbuch f\u00fcr Jungs, in dem f\u00fcnf Minuten lang ein bl\u00f6des Pferd mit Fl\u00fcgeln auftaucht. Ja, auch ich bediene ab und zu Klischees, und ich bereue es bis heute, denn was ist auf dem (anbei rosanen) Cover? Erraten, ein gefl\u00fcgeltes Pferd. <br \/>Zu \u201cDrachen der Finsternis\u201d sage ich gar nichts, da kann man nur noch leise in den Hemdkragen weinen &#8211; es kommen zwar, bedauerlicher Weise, Drachen vor, jedoch keine einzige Finsternis und auch kein Der. Bei Oetinger werden meine Titelvorschl\u00e4ge etwas ernster genommen. Nur kann ich mir jetzt die eingef\u00fcgten Adjektive nicht mehr merken. Hei\u00dft es die Nacht der verlorenen Tr\u00e4ume? Der gefundenen? Gestohlenen? Vergammelten? \u201cLiebe Kinder, heute geht es um die Nacht der Dingsda Tr\u00e4ume\u201d klingt einfach nicht gut &#8230; <br \/>Man kann sich vorstellen, wie gespannt ich vor kurzem auf den Titel meines ersten Romans f\u00fcr Erwachsene war. Es geht um den Regen, den Tod und ein Huhn, und der Verleger, ein kreativer Kopf, schlug \u00fcberraschend vor: \u201cRegen, Tod und Huhn\u201d. Ich konterte mit \u201cHuhn der Finsternis\u201d, aber irgendwie stie\u00df das nicht auf Zustimmung. F\u00fcr gute Verkaufszahlen braucht man rei\u00dferische Titel; daher erwogen wir kurzzeitig \u201cDie Wandermasseuse von Schwerin\u201d und \u201cDie Gemahlinnen der P\u00e4pstin\u201d. Beide Titel waren leider schon vergeben. \u201cDer Titel muss zum Cover passen\u201d, sagte der Verleger, \u201cnennen wir es Der letzte Regen.\u201d Regen ist das Einzige, was auf dem Buch nicht zu sehen ist. Aber egal. Ein Freund von mir gestaltete das Cover, und ich jubilierte, da ich endlich mitreden durfte. Von da an klingelte dreiundzwanzig mal am Tag das Telefon, und ich musste entscheiden, ob der linke untere Granatapfel einen oder zwei Millimeter nach Nordosten verschoben werden sollte &#8230; \u201cAu\u00dferdem brauchen wir ein Messtischblatt, ein Huhn und ein Hirn\u201d, sagte mein Freund. Ich scannte das Messtischblatt und das Huhn ein &#8211; letzteres protestierte etwas. Nur bei dem Hirn hatte ich Schwierigkeiten. Ich scannte meinen Kopf, und darin befand sich &#8230; es ist mir direkt peinlich &#8230; lediglich ein Kn\u00e4uel aus all meinen verworfenen Titelvorschl\u00e4gen. Dort steckten sie! Das Hirn war auf Linsengr\u00f6\u00dfe geschrumpft und ganz an den Rand gedr\u00e4ngt worden, und da liegt es noch immer, gleich hinter dem rechten Auge. <br \/>Wundern Sie sich also nicht, wenn sie mein n\u00e4chstes Buch lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von hustenden Fr\u00f6schen, regnenden Granat\u00e4pfeln und meiner ganz pers\u00f6nlichen Finsternis<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}