{"id":546,"date":"2008-06-30T00:00:00","date_gmt":"2008-06-30T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=546"},"modified":"2008-06-30T00:00:00","modified_gmt":"2008-06-30T00:00:00","slug":"hochzeitsunfall-in-turkis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/hochzeitsunfall-in-turkis\/","title":{"rendered":"Hochzeitsunfall in T\u00fcrkis"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem fiel meinem Mann und mir auf, dass wir gar nicht verheiratet sind. Wir beschlossen, das zu \u00e4ndern. Die Standesbeamtin empfing uns mit feierlichem Gesicht. Welche Musik sollen wir an dem gro\u00dfen Tag spielen?, fragte sie. Musik?, fragten wir. Und die Ringe m\u00fcssen sie tauschen. Wieso? sagte ich. Mein Ring passt mir viel besser als seiner. Und wieviele Leute kommen?, fragte sie hoffnungsfroh. Hundert? Nur unsere Eltern und Geschwister, sagten wir. Aber ich lese ein sch\u00f6nes Gedicht vor, sagte sie. So mit Herzschmerz und Eichenbl\u00e4ttern. Um Gottes Willen, sagten wir. Blo\u00df kein Gedicht. Da fing die Standesbeamtin leise an, zu weinen. Na gut, sagten wir, wir bringen Ihnen eins mit.<br \/>\nZu Hause durchforsteten wir s\u00e4mtliche Tucholsky- und Ringelnatz-B\u00e4nde. Deren Ehe-Gedichte waren alle so gemein, dass die Standesbeamtin aus dem Fenster gesprungen w\u00e4re. Also schrieb ich eins und tat so, als w\u00e4re es von K\u00e4stner. Danach begannen wir, das Haus Eltern-fest zu machen. Ich putzte jede Fliese im Bad. Mein Mann m\u00e4hte alles Gras, das gr\u00f6\u00dfer war als er. Das WAR alles Gras. Wir wischten Staub in den Marmeladengl\u00e4sern. Wir schickten die Spinnen zum Friseur und steckten die Katze in die Waschmaschine. Drei Tage hatten wir rund um die Uhr zu tun. Dann ging die Uhr kaputt. Wir kauften Grillfleisch, stellten sehr viel Nachtische her, deckten den Tisch im Garten &#8211; und begannen, zu warten und zu grillen. Das Wetter war sch\u00f6n. Wir warteten und grillten. Unsere Eltern riefen aus ihren Autos an: Es w\u00fcrde etwas sp\u00e4ter. Wir warteten und grillten. Sehr viel sp\u00e4ter kamen zwei Dinge: Die ersten Eltern und der Regen. Also a\u00dfen wir drinnen nasses, verkohltes Grillfleisch. Als das letzte Elternauto gegen Mitternacht eintraf, waren alle zu m\u00fcde, um Nachtisch zu essen.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen pfl\u00fcckte ich in Gummistiefeln im Garten einen Brautstrau\u00df, damit sich die Standesbeamtin freute. Leider war es schwer, ihren Worten zu folgen, denn hinter ihr hing ein riesiges modernes Bild, das sie wahrscheinlich selbst gemalt hatte. Ich gab ihm den Namen \u201cBootsunfall in T\u00fcrkis\u201d und sagte zerstreut an beliebigen Stellen \u201cJa\u201d.<br \/>\nDann sollten wir irgendetwas unterzeichnen. \u201cSie m\u00fcssen mit SEINEM Namen unterschreiben\u201d, sagte die Standesbeamtin. Verwundert unterschrieb ich mit \u201cPhilipp\u201d und setzte mich wieder &#8211; auf den Brautstrau\u00df. Beim Abschied \u00fcberreichte die Standesbeamtin uns ein Kochbuch: Ein Geschenk der Stadt Wolgast. \u201cWarum\u201d, fl\u00fcsterte sie, \u201ctragen sie eigentlich Gummistiefel?\u201d Ich schlug das Kochbuch auf. Herstellung und Vertrieb, stand auf der ersten Seite, Volker Gondrom, Bindlach.<br \/>\nDen Rest des Tages verbrachten wir damit, unsere Eltern \u00fcber Usedom zu scheuchen und zur Erheiterung verschiedener Dorfbewohner die feinen Kleider im Auto erst aus- und abends wieder anzuziehen. Abends stolperten wir ersch\u00f6pft \u00fcber den unangetasteten Nachtisch, zwanzig geschenkte Weinflaschen und 300 Postkarten. Seitdem leben wir von Nachtisch und Wein. Ab und zu essen wir eine Postkarte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiraten sie blo\u00df nicht. Lassen Sie Ihre Dokumente lieber fachkundig f\u00e4lschen. Es ist einfacher.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-546","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gemeinheiten-des-alltags"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/546","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=546"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/546\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}