{"id":570,"date":"2007-12-04T00:00:00","date_gmt":"2007-12-04T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=570"},"modified":"2007-12-04T00:00:00","modified_gmt":"2007-12-04T00:00:00","slug":"nur-ein-wenig-tannengrun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/nur-ein-wenig-tannengrun\/","title":{"rendered":"Nur ein wenig Tannengr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p>Es d\u00fcrfte auch den hartn\u00e4ckigsten abendl\u00e4ndischen Antichristen aufgefallen sein: Der Advent hat uns mal wieder. Wo man hinguckt, blinken die Tannen, und aus den Gullis sprie\u00dfen die Filz-Rehe. Aber nun erwarten Sie blo\u00df keinen klagenden Blog \u00fcber den Weihnachtskommerz von mir. Ich mag den Kommerz. Leider haben wir ihn nicht. Denn wir leben, wie Sie wissen, auf dem Land. Die Rehe bei uns sind nicht aus Filz und nagen die Obstb\u00e4ume an, und wenn die Tannen blinken, sollte man seinen Alkoholspiegel \u00fcberdenken.<br \/>\n\u201cAuf dem Land\u201d, verk\u00fcndet mein Mann, \u201cschm\u00fcckt man das Haus im Advent nur mit ein wenig Tannengr\u00fcn. Ganz schlicht.\u201d Das ist gut, den Adventsschmuck habe ich n\u00e4mlich gr\u00fcndlich verlegt. Das einzige, was ich hinten im Schrank entdecke, sind die Osterhasen-f\u00f6rmigen Eierw\u00e4rmer. Dabei f\u00e4llt mir die Schulsekret\u00e4rin von neulich ein. \u201cSagen Sie\u201d, fragte ich,  \u201cwozu h\u00e4ngen sie denn diese pinken und hellgr\u00fcnen Bastblumen auf?\u201d<br \/>\n\u201cAch\u201d, meinte sie fr\u00f6hlich, \u201cdas ist der Fr\u00fchjahrsschmuck. Den Weihnachtsschmuck konnte ich nicht finden.\u201d Soll ich also die Osterhasen-Eierw\u00e4rmer an den Adventskranz &#8230;?<br \/>\n\u201cKomm!\u201d, sagt mein Mann und st\u00fclpt seine Pelzm\u00fctze \u00fcber. Da die Leute immer noch \u201cherrje\u201d statt \u201challo\u201d und \u201cgute Besserung\u201d statt \u201cauf Wiedersehen\u201d zu mir sagen, wickle ich mich in f\u00fcnf Schichten Wolle. So stapfen wir, bewaffnet mit Klapps\u00e4ge und Heckenschere, kurz darauf durch den Wald. Falls dies ein leicht beeinflussbarer Jugendlicher liest: Es ist verboten, im Wald \u00c4ste abzuschneiden! Wenn der F\u00f6rster einen dabei erwischt, darf er einen hauen oder vielleicht auch erschie\u00dfen. Viele angebliche Rehr\u00fccken sind ja dubioser Herkunft &#8230; Der Reiz des Verbotenen treibt uns tief in den dunklen Tann. Ab und zu grunzt einer von uns, damit der andere denkt, es w\u00e4re ein Wildschwein oder ein J\u00e4ger. Die echten Schweine und J\u00e4ger, die vorbei kommen, wundern sich sicher.<br \/>\n\u201cHaben wir nicht langsam genug \u00c4ste?\u201d, frage ich. Verbissenes S\u00e4gen. \u201cUnd jetzt? Reicht es jetzt?\u201d \u201cNur noch die paar!\u201d, murmelt mein Mann. Er gibt erst auf, als es so dunkel ist, dass er versehentlich einen Telegrafenmasten ans\u00e4gt. Kurz darauf ist die K\u00fcche zu Hause h\u00fcfthoch angef\u00fcllt mit einem Meer aus Fichten\u00e4sten. \u201cWelche Ausbeute!\u201d, ruft mein Mann triumphierend. Wir schleppen gro\u00dfe Baueimer heran und f\u00fcllen sie mit Zweigen, und bald sind \u00fcberall gr\u00fcne Str\u00e4u\u00dfe: Auf den Schr\u00e4nken, den Tischen, den Kommoden &#8230; Den Rest der \u00c4ste verteilen wir auf den Fensterbrettern und im Vorgarten. \u201cZeit f\u00fcrs Abendbrot!\u201d, hauche ich schlie\u00dflich ersch\u00f6pft und falle auf einen Stuhl. Ein Ast ragt mir vom Regal her ins Ohr.<br \/>\n\u201cJa\u201d, sagt mein Mann. \u201cAber &#8211; wo ist der K\u00fchlschrank?\u201d<br \/>\nAlles, was man sehen kann, ist Tannengr\u00fcn. \u00dcber uns turnt ein Eichh\u00f6rnchen durchs Ge\u00e4st. Eine Meise baut auf dem Geschirrschrank ihr Nest. Ein Igel gr\u00e4bt im Nadelhaufen unter der Eckbank nach Schnecken, und zwei Kaninchen tun im Fichten-Dickicht unter der Anrichte nicht-jugendfreie Dinge. Das Telefon klingelt. Ich krieche durchs Ge\u00e4st und finde es in einem Fuchsbau. \u201cIch wollte euch gerade besuchen!\u201d, sagt meine Freundin in der Leitung. \u201cAber ich konnte das Haus nirgends finden. Dort, wo es sonst immer stand, hat jemand einen Nadelwald gepflanzt &#8230; \u201d <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunst des schlichten Schm\u00fcckens, oder: Von M\u00e4nnern und Klapps\u00e4gen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-570","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-schrecken-des-landlebens"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=570"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=570"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=570"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=570"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}