{"id":574,"date":"2007-11-05T00:00:00","date_gmt":"2007-11-05T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=574"},"modified":"2007-11-05T00:00:00","modified_gmt":"2007-11-05T00:00:00","slug":"schweizer-lese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/schweizer-lese\/","title":{"rendered":"Schweizer Lese"},"content":{"rendered":"<p>In England arbeiten die Inder, in Bayern die T\u00fcrken. In der Schweiz arbeiten die Deutschen. Dass dies ein Sprachproblem mit sich bringt, wird sp\u00e4testens dann klar, wenn ein Schweizer Lehrer auf einen deutschen Autor zueilt und ungef\u00e4hr folgendes sagt: \u201cCh-ch-chgli, Eu-chrrrr, chrrrschtschl, cchrgli, chrrr?\u201d<br \/>\nAnfangs warf mich solches aus der Bahn; heute nicke ich souver\u00e4n und erwidere: \u201cDanke gut, und Ihnen?\u201d<\/p>\n<p>Wichtig ist beim Lesen in der Schweiz das Tempo. Ich habe mir angew\u00f6hnt, im Norden normal zu lesen, in Frankfurt alle f\u00fcnf Minuten ein t\u00fcrkisches Wort einzubauen (ich kann leider nur drei: Danke, bitte und Gemeindeverwaltung) und in Oberbayern nach jedem Absatz lautlos bis drei zu z\u00e4hlen. In der Schweiz z\u00e4hle ich nach jedem Wort.<br \/>\nDoch hier sei nichts gegen die Schweizer gesagt! Sie sind treue und sehr betuchte Kunden. Im Advent stellen sie auf dem Z\u00fcrcher Bahnhof keine Fichte auf, sondern einen glitzernden Swarovski-Baum von der Gr\u00f6\u00dfe eines Brontosauriers, und kleinere Betr\u00e4ge wie 4 oder 5 tausend Euro zahlen sie gerne bar.<br \/>\nAuch lieben sie Ausfl\u00fcge zur F\u00f6rderung des Gruppengeists. So trieb letztes Fr\u00fchjahr ein Schweizer Veranstalter seine Herde deutscher Fremdautoren \u00fcber die Kuhweiden nach Appenzell; das Wochenhonorar f\u00fcr vier Autoren locker in der Po-Tasche. Leider litten zwei von ihnen (mich eingeschlossen) an Heuschnupfen, und so verteilten sich die Hunderter, angetrieben von unseren Niesern, auf ganz erstaunliche Weise im Schweizer Bergland &#8230; Appenzell, so schrieb ich an einen Freund, lohnt die Reise allein der Allergene wegen.<br \/>\nBad Zurzach hingegen lohnt sich schon, weil man durch die Bahnh\u00f6fli von Oerlikon und Eglikon f\u00e4hrt. Eines Tages werde ich eine Schweizer Pokemon-Sorte erfinden: Oerlimon und Eglimon &#8211; der geneigte Leser m\u00f6ge sich selbst vorstellen, wie diese Monster aussehen. In jedem Fall sind sie p\u00fcnktlich und sagen wenig.<br \/>\n\u201cUnsere Sch\u00fcler\u201d, versicherte man mir nach einer Lesung, \u201chaben sich das Schweigen der Berge bewahrt\u201d. Da die Lesung um halb acht stattgefunden hatte, hielt ich es f\u00fcr wahrscheinlicher, dass die bedauernswerten Sch\u00fcler noch geschlafen hatten. Ich selbst, kaffee-los, fr\u00fchst\u00fcck-los, m\u00fcde, las vier Stunden am St\u00fcck in verschiedenen Klassen, bat um ein trockenes Br\u00f6tchen, bekam genau dieses und \u00fcberlebte den Tag nur auf Grund einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Sternenkonstellation.<br \/>\nMittags sah der Schuldirektor mir tief in die Augen und erkl\u00e4rte, ich w\u00e4re ein von Grund auf schwerm\u00fctiger Mensch, was ich durch lebhaftes Auftreten \u00fcberkompensierte. Gebt mir mehr Alkohol und weniger Psychoanalyse! Verst\u00e4ndnisvoll taten die Schweizer genau das und nahmen mich auf eine Weinprobe mit, wo ich lernte, dass es in Italien 161 Raps-Sorten gibt. Was, fragte ich mich, wollen die Italiener mit so viel Raps? Leider handelte es sich nur um die Schwiezer Aussprache von \u201cReb-Sorten\u201d. Der Mann einer Lehrerin war nicht dabei, weil er sich ein Lokal-Matsch ansah. Lokal-Matsch? Ich erwartete experimentelle Kunst, Kiefer-goes-Switzerland oder \u00e4hnliches. Aber nein, es handelte sich um ein Fu\u00dfball-Matsch. Schade.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesungen in der Schweiz sind immer ein Erlebnis &#8211; und lohnen allein der Allergene wegen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lesung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/574\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}