{"id":578,"date":"2007-09-28T00:00:00","date_gmt":"2007-09-28T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=578"},"modified":"2007-09-28T00:00:00","modified_gmt":"2007-09-28T00:00:00","slug":"bitte-blumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/bitte-blumen\/","title":{"rendered":"Bitte Blumen!"},"content":{"rendered":"<p>Vor l\u00e4ngerer Zeit las ich in der N\u00e4he, sozusagen privat, als \u00dcberraschung f\u00fcr ein bestimmtes Kind. Das Kind war pflichtschuldigst \u00fcberrascht. Ich auch. Denn man \u00fcberreichte mir eine prunkvoll umschleifte Kiste, in der im Polster-Stroh zwei pink lackierte Ton-Liegest\u00fchle standen, begleitet von einer Seestern-f\u00f6rmigen Duftlampe.<br \/>\n\u201cOh, wie sch\u00f6n!\u201d, rief ich. \u201cWas f\u00fcr ein Pech, dass ich mit dem Fahrrad da bin! Da kann ich diese wundervollen Dinge alle gar nicht mitnehmen!\u201d \u201cMacht nichts\u201d, sagte der Vater, der die Lesung organisiert hatte, \u201cich fahre eben mit dem Auto zu Ihnen nach Hause und bringe die Kiste vorbei.\u201d \u201cKein Problem\u201d, sagte meine Mitbewohnerin. \u201cWir schenken die Dinger einfach meiner Gro\u00dfmutter. Die liebt solche Dinge.\u201d<br \/>\nIch packte ich Liegest\u00fchle, M\u00e4nnchen und Seestern in ein Paket und fuhr zur n\u00e4chsten Lesung. In der Bibliothek schenkte man mir einen gro\u00dfen Blumenstrau\u00df, und wieder einmal wusste ich nicht, wohin damit. Es regnete, und das Hotelzimmer war weit weg, sowohl zeitlich als auch \u00f6rtlich. Schlechte Karten f\u00fcr den Strau\u00df. \u201cKein Problem\u201d, sagte ich zu der netten Dame, die mich begleitete, \u201cdie zweite Bibliothek freut sich sicher \u00fcber ein so einen sch\u00f6nen Strau\u00df.\u201d<br \/>\nLeider stand in der zweiten Bibliothek ein identischer Strau\u00df neben dem Computer. Vielleicht war es ein Sonderangebot in der Gegend gewesen. \u201cDer Strau\u00df ist f\u00fcr Sie\u201d, sagte die Bibliothekarin. \u201cKein Problem\u201d, sagte ich zu meiner Begleiterin, \u201cwir schenken die Blumen der Schulklasse, die ist sicher gl\u00fccklich dar\u00fcber und stellt sie in ihr Klassenzimmer.\u201d Die Schulklasse \u00fcberreichte mir zum Dank f\u00fcr die Lesung einen kleinen Blumenstrau\u00df. Er sah genauso aus wie die beiden anderen identischen Str\u00e4u\u00dfe.<br \/>\n\u201cOh, wie sch\u00f6n!\u201d, rief ich und verlie\u00df die Bibliothek resigniert mit drei gleichen Blumenstr\u00e4u\u00dfen.<br \/>\n\u201cVielleicht m\u00f6chten Sie&#8230; f\u00fcr zu Hause&#8230;?\u201d, fragte ich meine Begleiterin. \u201cGern\u201d, sagte sie, \u201caber leider muss ich gerade heute 12 Stunden Bibliotheks-Dienst machen.\u201d Neidvoll sah ich sie an. So eine sch\u00f6ne Ausrede war mir noch nie eingefallen. Am n\u00e4chsten Tag erschien ich mit drei Blumenstr\u00e4u\u00dfen unter dem Arm zur ersten Lesung. Diese Schulklasse hatte keine Chance.<br \/>\n\u201cOh, Blumen!\u201d, riefen die Lehrerinnen alle im Chor. \u201cWir wussten, dass Sie Blumen m\u00f6gen! Wir haben auch welche f\u00fcr Ihre Sammlung!\u201d Und sie gaben mir stolz einen Strau\u00df, der um keinen Millimeter von seinen drei Vorg\u00e4ngern abwich. \u201cOh, wie sch\u00f6n!\u201d, sagte ich lahm. Es war sehr schwierig, alle Blumen bis zur n\u00e4chsten Bibliothek zu transportieren. Dort wollte ich die Blumen im Hinterzimmer vergessen, doch die Bibliothekarin trug sie mir nach und arrangierte sie auf dem Tisch. Ich quetschte mein Buch dazuwischen, um zu lesen.<br \/>\nNach der Lesung trat ein kleines M\u00e4dchen vor. \u201cWir haben zum Dank ein kleines Geschenk f\u00fcr Sie -\u201d, begann sie. \u201cOh, wie sch\u00f6n\u201d, fl\u00fcsterte ich. \u201cBlumen?\u201d<br \/>\nAm Bahnhof packte ich alle Blumen in ein Paket und adressierte es an die Gro\u00dfmutter meiner Freundin. Danach stieg ich in einen Zug, um in einer anderen Stadt zu lesen.<br \/>\nMan schenkte mir Blumen dort. Viele Blumen. Ich packte Pakete. Eines der Kinder schenkte mir zur Abwechslung eine blaue Plastikmurmel aus Taiwan. Ich packte ein Paket. Ich ergatterte eine selbstgebundene tausendj\u00e4hrige Schulchronik in altdeutscher Schrift, ein Buch von einem Lokalschriftsteller, der im Eigenverlag Gedichte \u00fcber Eichen ver\u00f6ffentlichte, und einen Diddl-Kalender. Packte weitere Pakete.<br \/>\nAls ich ersch\u00f6pft nach Hause kam, erwartete mich ein Paket. Vielleicht von einem Leser, der mir einen handgestrickten Klorollenschoner schickte? Nein. Das Paket war von der Gro\u00dfmutter meiner Freundin. Es enthielt alle Blumen (inzwischen recht l\u00e4diert) und einen Drohbrief. Darin schrieb die Gro\u00dfmutter, wenn ich ihr noch einmal ein Paket schickte, w\u00fcrde sie mich anzeigen. Deprimiert packte ich Blumen, Plastikmurmel, Diddl-Kalender und Gedichtband wieder aus.<br \/>\nIch komme, liebe Kollegen. Ich komme zu Eurer n\u00e4chsten Lesung. Ich werde mich mit einem strahlenden L\u00e4cheln bedanken und Euch ein kleines Geschenk \u00fcberreichen. Ich bin sozusagen schon auf dem Weg. Im Gep\u00e4ck nicht nur Blumen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso Ihr nicht m\u00f6chtet, werte Kollegen, dass ich zu Eurer n\u00e4chsten Lesung komme &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-578","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/578","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=578"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/578\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=578"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=578"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=578"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}