{"id":579,"date":"2007-09-17T00:00:00","date_gmt":"2007-09-17T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=579"},"modified":"2007-09-17T00:00:00","modified_gmt":"2007-09-17T00:00:00","slug":"und-jetzt-ganz-entspannt-lacheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/und-jetzt-ganz-entspannt-lacheln\/","title":{"rendered":"Und jetzt ganz entspannt l\u00e4cheln!"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein altes Problem. Liebe Kollegen, Ihr kennt und f\u00fcrchtet es alle! Das Problem hei\u00dft: Wir brauchen ein Verlags-Photo. Liebe Nicht-Kollegen! Ein Verlag ist eine Einrichtung, die manchmal, wenn es gar nicht anders geht, B\u00fccher druckt, oft Sitzungen abh\u00e4lt und IMMER Photos braucht. Nun habe ich einen Bruder, der Photograph ist. Das verkleinert das Problem nicht etwa. Es vergr\u00f6\u00dfert es. Ich h\u00e4tte ihn nicht fragen sollen. Ich h\u00e4tte zum Greifswalder Bahnhof fahren sollen, das Auto ins Parkverbot stellen, mich in den Automaten setzen und f\u00fcnf Euro einwerfen. Ich h\u00e4tte mich mit dem abfinden sollen, was dieser Automat gew\u00f6hnlich ausspuckt: Ein grau-gr\u00fcnes, manchmal auch blau-rotes oder gelb-braunes, in jedem Fall aber farblich kreativ ver\u00e4ndertes Abbild einer Person, die ich definitiv noch nie gesehen habe und der man h\u00f6chstwahrscheinlich eine Einweisung in die Entzugsklinik empfehlen sollte wegen Cortison-Missbrauchs. Immerhin h\u00e4tte ich dann behaupten k\u00f6nnen, ich w\u00e4re nicht Schuld an meinen B\u00fcchern. Jemand ganz anderer mit gleichem Namen h\u00e4tte sie geschrieben.Aber ich habe mich nicht mit dem Automaten abgefunden. Ich bin selbst Schuld.<br \/>\n&#8222;Ach&#8220;, habe ich gesagt, &#8222;du kommst mich besuchen? Das ist sch\u00f6n. K\u00f6nnen wir vielleicht ein kleines Photo machen, ganz schnell?&#8220;&#8220;Hm-hm&#8220;, sagte mein Bruder am Telefon.&#8220;Jetzt w\u00e4re sch\u00f6n&#8220;, sagte ich am n\u00e4chsten Morgen beim Fr\u00fchst\u00fcck. &#8222;Das Licht ist gerade so hell.&#8220;&#8220;Das Licht ist zu hell&#8220;, sagte mein Bruder duster und biss in sein Ei.&#8220;Wie w\u00e4re es jetzt?&#8220;, fragte ich etwas sp\u00e4ter, im Garten. &#8222;Ist doch h\u00fcbsch hier, vor den Obstb\u00e4umen.&#8220;&#8220;Die Obstb\u00e4ume sind als Hintergrund zu unruhig&#8220;, sagte mein Bruder und seufzte.<br \/>\nGegen Nachmittag fuhren wir auf die Insel, zu einem Cafe. &#8222;Wie w\u00e4re es hier?&#8220;, fragte ich. &#8222;Die Sonne scheint gerade so nett.&#8220;&#8220;Die Sonne scheint zu sehr&#8220;, sagte mein Bruder resigniert.Wir schlugen einen schmalen Pfad zwischen h\u00fcfthohen Brennesseln ein. &#8222;Hier ist es gut!&#8220;, rief mein Bruder. &#8222;Bleib genau da stehen!&#8220;&#8220;Zwischen den Brennesseln?&#8220;, fragte ich.<br \/>\nEr schraubte an der Kamera herum. &#8222;Etwas weiter links&#8220;, sagte er und dirigierte mich in die Nesseln. &#8222;Und jetzt noch den Kopf etwas drehen &#8211; wir haben leider keinen Schirm zum Reflektieren da. Wenn du deine Hand hierhin h\u00e4ltst, wirft sie das Licht ein bisschen zur\u00fcck.&#8220;Er adjustierte meine Hand in einer sehr un-anatomischen Stellung, drehte meinen Kopf, so dass ich schielen musste, um ihn anzusehen, und setzte die Kamera an.&#8220;Und jetzt ganz entspannt l\u00e4cheln!&#8220;Ich versuchte, entspannt zu l\u00e4cheln. &#8222;Du bist so verkrampft!&#8220;, sagte mein Bruder.<br \/>\nEin Hund und zwei Radfahrer dr\u00e4ngten sich auf dem engen Brennesselpfad an uns vorbei. Ich l\u00e4chelte. Meine Hand schmerzte. Mein Sehnerv quietschte, vom Schielen. Die Brennesseln bissen mich durch die Hose in die Beine. Ich l\u00e4chelte.&#8220;Dieses L\u00e4cheln sieht unecht aus&#8220;, sagte mein Bruder.&#8220;Bist du jetzt fertig?&#8220;, fragte ich.&#8220;Ein Photo braucht Geduld&#8220;, erkl\u00e4rte er. &#8222;Ohne Geduld wird es nichts.&#8220;<br \/>\nWir stritten uns ein bisschen und gingen schlie\u00dflich weiter, lie\u00dfen die Brennesseln hinter uns, kamen ans Meer. &#8222;Dort!&#8220;, rief mein Bruder. &#8222;Dort ist das Meer so sch\u00f6n blau! Das nehmen wir als Hintergrund! Schnell! Wir m\u00fcssen genau an diesen Platz, bevor die Sonne weg ist!&#8220;Wir hasteten eilig den Kiesstrand entlang. Eine gro\u00dfe Wolke schob sich vor die Sonne. Wir warteten, bis die Wolke uns verlie\u00df. Im Gegensatz zu mir aber hatte die Wolke sehr viel Geduld. Mein Bruder h\u00e4tte besser ein Photo von der bl\u00f6den Wolke gemacht.&#8220;So&#8220;, sagte er schlie\u00dflich, &#8222;das ist gut. Zieh mal das Jackett aus. Und den Schal.&#8220;Ich h\u00e4ngte das Jackett und den Schal \u00fcber einen Baumstamm. Kalter Wind pfiff durch meine Haare.&#8220;Das ist sch\u00f6n f\u00fcr das Bild&#8220;, sagte mein Bruder. &#8222;Aber wenn du so zitterst, wird es unscharf.&#8220;Ich hielt mich an dem Baumstamm fest, um das Zittern zu unterdr\u00fccken. &#8222;Jetzt! Jetzt ist es perfekt!&#8220;, rief mein Bruder und dr\u00fcckte auf den Ausl\u00f6ser. In diesem Moment nieste ich.&#8220;Das war wohl nichts&#8220;, sagte er. &#8222;Noch einmal. Ganz entspannt l\u00e4cheln, du wei\u00dft schon.&#8220;<br \/>\nIch wusste schon. Ich l\u00e4chelte. Eine Schulkameradin von mir hat mal bei Aldi an der Kasse gearbeitet. Sie hat erz\u00e4hlt, am Ende eines Kassen-Tages h\u00e4tte sie vom vielen k\u00fcnstlichen L\u00e4cheln ihr Gesicht gar nicht mehr bewegen k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8222;Du runzelst dauernd die Stirn&#8220;, sagte mein Bruder.Ich versuchte, meine Stirn zu entrunzeln. Es ging nicht.&#8220;Entspannt!&#8220;, rief mein Bruder. &#8222;Entspann dich!&#8220;&#8220;Ich bin entspannt!&#8220;, schrie ich.&#8220;Du runzelst schon wieder!&#8220;, schrie mein Bruder.&#8220;Ich will das bl\u00f6de Photo \u00fcberhaupt nicht haben!&#8220;, br\u00fcllte ich.&#8220;Du hast eben keine Geduld!&#8220;, schrie mein Bruder.&#8220;NEIN!&#8220;, schrie ich, &#8220; HABE ICH NICHT!&#8220;&#8220;Dann lassen wir es jetzt&#8220;, sagte mein Bruder.Ich atmete auf und l\u00e4chelte.&#8220;Das ist wunderbar&#8220;, sagte er. &#8222;So entspannt.&#8220; Und dr\u00fcckte zum hundersten Mal auf den Ausl\u00f6ser. &#8222;Dieses letzte Bild nehmen wir.&#8220;&#8220;Halleluja!&#8220;, fl\u00fcsterte ich.<br \/>\nMein Bruder packte seine Kamera ein. &#8222;Oh nein&#8220;, sagte er beim Auseinanderbauen.&#8220;Was?&#8220;, fragte ich ersch\u00f6pft.&#8220;Die Batterie ist alle&#8220;, sagte mein Bruder. &#8222;Die letzten paar Bilder hat der Apparat nicht mehr aufgezeichnet.&#8220;<br \/>\nAm Tag darauf sollte ich in Hamburg lesen, zu meiner gro\u00dfen Begeisterung mal wieder in einem Einkaufscenter, mitten im Ger\u00e4usch-Duell zwischen einer laut zischenden T\u00fcrschlie\u00dfanlage und einer Durchsagestimme, die Frau Zeden in den Supermarkt zur Wursttheke bat. Ehe ich \u00fcberhaupt beginnen konnte, zu lesen, kam ein langhaariger junger Mann auf mich zu. &#8222;Wenn sie sich mal hierhin stellen k\u00f6nnten&#8230;&#8220;, murmelte er. &#8222;Wir brauchen da noch ein Photo.&#8220; Er dr\u00fcckte mich in einen roten Sessel und bog meine Beine in einem unnat\u00fcrlichen Winkel \u00fcber die Lehne. &#8222;L\u00e4cheln sie einfach ganz entspannt.&#8220;Ich l\u00e4chelte.&#8220;Nein&#8220;, sagte er. &#8222;J\u00fcnger und dynamischer. K\u00f6nnen sie nicht jung und dynamisch aussehen?&#8220;&#8220;Ich brauche auch noch ein Bild!&#8220;, rief eine Frau von hinten. &#8222;Kommen sie mal hier r\u00fcber!&#8220; &#8222;Ich kann jetzt nicht&#8220;, knurrte ich. &#8222;Ich bin damit besch\u00e4ftig, jung und dynamisch auszusehen.&#8220;Mit diesen Worten brach ich in dem roten Sessel zusammen und wurde ohnm\u00e4chtig. Der Arzt hat mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, ich w\u00e4re mit einem verkrampften L\u00e4cheln auf den Lippen bei ihm eingeliefert worden.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Lesung haben Sie vielleicht das Pech, mich zu treffen. Vielleicht m\u00f6chten Sie ein Photo von mir haben und knipsen, dezent und heimlich, w\u00e4hrend ich lese. Und wenn ich dann mittendrin anfange, merkw\u00fcrdige Grimassen zu ziehen, zusammenhanglos zu br\u00fcllen oder jung und dynamisch Gegenst\u00e4nde auf Sie zu werfen, dann l\u00e4cheln Sie einfach ganz entspannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gutes Photo hinzukriegen ist leicht. Man muss nur l\u00e4cheln. In jeder Lebenslage.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=579"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}