{"id":6,"date":"2010-03-12T17:36:57","date_gmt":"2010-03-12T17:36:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=6"},"modified":"2010-03-12T17:36:57","modified_gmt":"2010-03-12T17:36:57","slug":"ausschlafen-auf-sinhalesisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/ausschlafen-auf-sinhalesisch\/","title":{"rendered":"Ausschlafen auf sinhalesisch"},"content":{"rendered":"<p>Der Mensch braucht Herausforderungen, wie  \u00f6ffentliche Lesungen und hohe Berge. In Sri Lanka gibt es beides. Wir  haben uns vorgenommen, vor der Lesung noch die Wale zu retten, die  letzten Tamil Tigers durch meditative Strickkurse zu l\u00e4utern, den  Weltfrieden zu erringen und den heiligsten Berg zu ersteigen. Schade  eigentlich, dass wir nur zehn Tage Zeit haben. Schlie\u00dflich belassen wir  es &#8211; aus reiner Bescheidenheit &#8211; bei dem Berg. Es ist alte  Pilgertradition, fr\u00fch auf zu stehen, um vor Sonnenaufgang hinauf zu  klettern. Fr\u00fch hei\u00dft um zwei Uhr nachts. \u201eAber das macht nichts\u201c, sage  ich,\u201cam Ende der Reise bekommen wir ein f\u00fcnf-Sterne-Hotel und k\u00f6nnen  ausschlafen.\u201c<\/p>\n<p>Im Ort am Fu\u00df des Berges \u00fcbernachten wir in einer  alten kaputten Villa. Mit Badewanne! Leider ohne Wasser. Macht nichts,  am Ende der Reise bekommen wir ein f\u00fcnf-Sterne-Hotel &#8230;<\/p>\n<p>\u201eUnd k\u00f6nnen ausschlafen\u201c, sagt mein Mann hinzu, als  wir in der Dunkelheit los wandern, ausger\u00fcstet mit warmen Kleidern und  guten Schuhen. Die bunten Plastikplanen der Tee- und Andenkenst\u00e4nde am  Weg sind alle noch herunter gezogen wie schlafende Augenlider. Wir  begegnen nur stummen Buddha-Statuen. Und vielen m\u00fcden Japanern und  Russen,\u00a0 ausger\u00fcstet mit warmer Kleidung und gutem Schuhwerk &#8230;<\/p>\n<p>\u201eHah!\u201c, sage ich. \u201eWir haben es geschafft, fr\u00fcher  aufzustehen als die Pilger!\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich \u00f6ffnen die Teest\u00e4nde. Wir erklimmen  Stund um Stund steile Stufen und machen auch gar nicht viele Teepausen,  nur nach jedem dreizehnten Buddha (ungef\u00e4hr alle zehn Minuten). Als wir  fast oben sind, kommen uns die Pilger entgegen. Alte Frauen, kleine  Kinder, Schwangere, alle in Plastiksandalen und leichten R\u00f6ckchen. Die  sind schon wieder auf dem R\u00fcckweg! Besch\u00e4mt schleichen wir zum Tempel  hinauf, um gemeinsam mit den Russen und Japanern den den Sonnenaufgang  zu betrachten. Der ist auch wirklich unvernebelt und spektakul\u00e4r \u2013 nehme  ich an. Gesehen haben wir ihn nicht, denn der Tempel wird von riesigen  Scheinwerfern angestrahlt, die uns direkt ins Gesicht scheinen. Im  Tempel selbst befindet sich ein heiliger Fu\u00dfabdruck. Die Engl\u00e4nder  nennen den Berg Adams Peak, weil der Abdruck von Adam stammen soll. Der  hat sich seinerzeit so \u00fcber Evas Spleen betreffs gesunder Ern\u00e4hrung  durch \u00c4pfel ge\u00e4rgert, dass er beim Aufstampfen mit dem Fu\u00df den Abdruck  im Felsen hinterlie\u00df. Auf Sinhala hei\u00dft der Berg Schmetterlingsberg,  aber sp\u00e4ter haben die Sinhalesen wohl gemerkt, dass der Fu\u00dfabdruck f\u00fcr  einen Schmetterling etwas gro\u00df ist und sagen jetzt, der Abdruck w\u00e4re von  \u2013 \u00dcberraschung! &#8211; Buddha. Das ist auch der Grund daf\u00fcr, dass sein  Schatten, der morgens auf den Nebel f\u00e4llt, ein gleichschenkliges Dreieck  darstellt, obwohl der Gipfel gar nicht dreieckig ist: Es ist der  Schatten des heilige Dreikant-Edelsteins, ein Zeichen der buddhistischen  Lehre, das ich leider nicht verstanden habe. Ich glaube allerdings  nicht, dass der magische Schatten etwas mit Buddha zu tun hat. Ich w\u00fcrde  sagen, das ist Reklame f\u00fcr die Filmproduktionsfirma Paramount.<\/p>\n<p>Wir fotografrieren den Schatten \u2013 habe ich eben  fotografieren geschrieben? Vielleicht liegt das daran, dass ich am  n\u00e4chsten Tag krank bin. Bellender Husten und Fieber, mindestens 40 Grad \u2013  im Schatten. Mein Mann faltet meine Reste ordentlich zusammen, stopft  sie in einen Bus zur K\u00fcste und breitet mich am Strand wieder aus Nach 36  Stunden Sonneneinstrahlung sind Fieber und Husten kuriert. Daf\u00fcr habe  ich jetzt einen Sonnenbrand. Macht nichts, wir bekommen ja bald ein  f\u00fcnf-Sterne-Hotel mit sch\u00f6nen k\u00fchlen R\u00e4umen \u2026<\/p>\n<p>Zuvor aber \u2013 das Galle-Literatur-Festival! Ich bin  Teil einer englischen Podiumsdiskussion, ich bin die Quotenfrau, die  Quoteneurop\u00e4erin, die Quoten-Kinderbuchautorin und die  Quoten-Nicht-Muttersprachlerin. Das muss der Grund sein, aus dem ich  dort sitze. Zu Wort kommen tue ich n\u00e4mlich nicht. Was auch egal ist, da  die ich die abstrakt-philosophischen Fragen ohnehin nicht begreife.  Sp\u00e4ter am Nachmittag darf ich lesen, in einem wundersch\u00f6nen Ambiente,  sagt der Chef vom Goethe-Instituts. Das Ambiente ist wirklich  wundersch\u00f6n, ein Restaurant-Garten eine halbe Autostunde vor Galle.  Leider kommt kein Publikum. Kinder haben auch in Sri Lanka selten  F\u00fchrerscheine, um zu Hotelg\u00e4rten hinauszufahren. Ashok Ferrey, ein  einheimischer Autor, leiht mir die H\u00e4lfte seines erwachsenen Publikums.  In Sri Lanka sind \u00fcbrigens die Verlage so schlecht, dass die Autoren  ihre B\u00fccher selbst drucken lassen.<\/p>\n<p>VORSICHT REKLAME, lesenswert:  Serendipity.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/Serendipity-Ashok-Ferrey\/dp\/9559981919\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1267866698&amp;sr=8-2\" target=\"_blank\">www.amazon.com\/Serendipity-Ashok-Ferrey\/dp\/9559981919\/ref=sr_1_2<\/a><\/p>\n<p>REKLAME ENDE.<\/p>\n<p>Ich sehne mich inzwischen wirklich nach dem  f\u00fcnf-Sterne-Hotel. Es befindet sich auch ein bisschen au\u00dferhalb, was  daran liegt, dass es einfach nicht in die Stadt Galle hineinpassen  w\u00fcrde. Es ist nicht alt, daf\u00fcr aber gro\u00df. Es besteht aus wei\u00dfen S\u00e4ulen,  die sind nicht sch\u00f6n, aber hoch, und es hat einen Pool, der ist nicht  n\u00f6tig (das Meer ist nebenan), aber neu. Eine Menge Leute sind nur dazu  angestellt, in wei\u00dfen Kleidern herumzulaufen, den G\u00e4sten ihre Vornamen  mitzuteilen und sie zu fragen, wie es ihnen geht. Unsere Suite ist so  gro\u00df, dass ich meinen Mann darin l\u00e4nger nicht wiederfinde. Wir putzen  uns die Z\u00e4hne an f\u00fcnf Meter voneinander entfernten Waschbecken. \u201eAah\u201c,  seufze ich. \u201eSo habe ich mir das Eheleben immer vorgestellt.\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fallen wir in das riesige Bett und  versuchen, die ungef\u00e4hr drei\u00dfig Lampen mit der Fernbedienung aus zu  knipsen, Schalter haben sie n\u00e4mlich keine. Auf der Fernbedienung gibt es  Kn\u00f6pfe f\u00fcr Candle Light Dinner, Slow Romance, Bright Sunshine \u2026 aber  keinen f\u00fcr AUS. Wir ziehen wir alle Stecker. H\u00e4h\u00e4, jetzt leuchten die  Lampen per Batterie! Und aus Verwirrung haben sie jetzt alle angefangen,  zu blinken. \u201eIch will zur\u00fcck auf den Berg!\u201c, jammere ich, \u201ein das  verstaubte Zimmer ohne Wasser im Bad!\u201c Wir nehmen unsere Sachen aus dem  Haus-gro\u00dfen Kleiderschrank und schleichen leise aus dem Hotel, und dann  schlafen wir, endlich, im gem\u00fctlichen, dunklen, so viel besser zu uns  passenden, authentisch einheimischen Stra\u00dfengraben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buddhistische Berge werben f\u00fcr amerikanisches Kino, ich lese vor keinem Publikum und Adam war vielleicht ein Schmetterling.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-6","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}