{"id":660,"date":"2010-07-28T08:26:04","date_gmt":"2010-07-28T08:26:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=660"},"modified":"2010-07-28T08:26:04","modified_gmt":"2010-07-28T08:26:04","slug":"einmal-ubern%c2%b4n-teich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/einmal-ubern%c2%b4n-teich\/","title":{"rendered":"Einmal \u00fcbern\u00b4n Teich"},"content":{"rendered":"<p>Ich fahre also nach Amerika zu einer Bibliothekskonferenz. F\u00fcr vier Tage. Zwei davon werde ich im Flugzeug verbringen \u2026<br \/>\n\u201eWusstest du eigentlich\u201c, fragt meine Mutter, \u201edass du ein ESPA-Formular f\u00fcr die Einreise ausf\u00fcllen musst? Die Bearbeitung des Antrags dauert mindestens drei Tage \u2026\u201c<br \/>\nBis zu meinem Flug sind es noch zwei. Schwei\u00dfgebadet f\u00fclle ich sp\u00e4t nachts Formulare im Internet aus, gebe meine Passnummer, die Passnummer des Verlagsleiters, die Passnummer der Katze des Verlagsleiters und die der Kinder der Katze des \u2026 o Wunder! Ich erhalte eine elektronische Best\u00e4tigung, dass ich einreisen darf. (hoffentlich auch wieder aus).Gl\u00fccklich drucke ich das Dokument. Meine Mutter hatte sich geirrt, die Bearbeitung des Antrags dauerte nicht drei Tage, sondern drei Minuten.<br \/>\n\u201eIn Amerika sind sie alle overdressed!\u201c, sagt mein Vater. \u201eHast du dein Abendkleid eingepackt?\u201c Abendkleid? Ich habe nicht mal einen Morgenrock. Meine Mutter seufzt und beginnt, meine Kordhosen zu b\u00fcgeln. Sie b\u00fcgelt die Unterhosen, die Schuhe \u2013 am Ende b\u00fcgelt sie das ESPA-Formular.<br \/>\nDann versuche ich, mein e-Ticket abzuholen. \u201eTja\u201c, sagt der BA-Beamte, \u201eSie haben keinen g\u00fcltigen ESPA-Antrag\u201c. Oje. Liegt es daran, dass er geb\u00fcgelt wurde? \u201eNein\u201c, sagt er, \u201ees muss daran liegen, dass sie schon mal wegen eines Kapitalverbrechens aus den USA ausgewiesen wurden.\u201c Hm. Eine Erinnerungsl\u00fccke? Ein Computerfehler? Ich soll mich bei meiner Ankunft in London direkt an das ESPA-office wenden. Bis London darf ich fliegen. Schade eigentlich, dass es in London gar kein ESPA-office gibt.<br \/>\n\u201eBitte, ich kann ja nachgucken, aber das wird sowieso nichts\u201c, sagt eine ungehaltene Dame am Flugschalter.. \u201eWas ist denn das f\u00fcr eine h\u00e4ssliche Passnummer? Soll das eine Null sein?\u201c<br \/>\n\u201eEin O\u201c, sage ich.<br \/>\n\u201eAch so\u201c, sagt sie, \u201eja, dann geht es.\u201c Und auf einmal darf ich doch in die USA. Der Beamte in M\u00fcnchen hatte sich nur vertippt. Nullen scheinen zu den Dingen zu geh\u00f6ren, die man in die USA nicht einf\u00fchren darf.<br \/>\nIn Washington DC sind \u00fcber 40 Grad. Man kann nicht behaupten, dass ich in in meinen Kordhosen friere. Der Herr an der Hotelrezeption l\u00e4chelt breit. \u201eUnd nun habe ich eine \u00dcberraschung f\u00fcr sie, gratis\u201c, sagt er, greift unter den Tisch und \u00fcberreicht mir \u2013 wirklich! &#8211; einen warmen Keks.<br \/>\nAber! Im voll klimatisierten Hotelrestaurant h\u00e4ngen beim Verlagsessen Eiszapfen von den Kerzenleuchtern. Die Amerikaner tragen alle kurze Kleider und zittern. Ich freue mich \u00fcber die Kordhosen und w\u00e4rme meine H\u00e4nde an dem Keks in meiner Tasche.<br \/>\nDer n\u00e4chsten Tag soll in einem \u00e4hnlich kalten Konferenzcenter stattfinden. Der Keks ist abgek\u00fchlt. Ich denke an meine Mutter und lasse ihn vom Hotel einfach wieder aufb\u00fcgeln. Sodann begebe ich mich mit drei\u00dfig anderen Autoren in einen Saal voller runder Tische, an denen je eine Gruppe von Bibliothekaren sitzt. Eine nicht ganz schlanke Dame in einem wallenden wei\u00dfen Hemd &#8211; aber ohne Hosen &#8211; erkl\u00e4rt uns, wir d\u00fcrften je vier Minuten an einem Tisch \u00fcber unsere B\u00fccher sprechen, dann w\u00fcrde sie in eine Trillerpfeife blasen und jeder Autor m\u00fcsste zum n\u00e4chsten Tisch gehen. Meine Lektorin und ich hetzen also von Tisch zu Tisch, aber am Ende ist uns nicht klar, wer das Spiel gewonnen hat. Ich glaube, die Dame ohne Hose. Ich schenke ihr als Preis den aufgeb\u00fcgelten Keks.<br \/>\nDas zweite wichtige Event ist eine Lesung, die ich w\u00e4hrend eines offiziellen Mittagessens halten darf. Zum Lesen ist eine halbe Stunde Zeit. F\u00fcr sechs Autoren zusammen. Viel interessanter als meine Dreiminutenlesung ist aber das Buffet in dem sehr feinen Restaurant. Es besteht aus Toastbrot, Scheibenk\u00e4se, kahlen Salatbl\u00e4ttern und Wurst. Die fein angezogenen Bibliothekare machen sich gro\u00dfe Sandwiches und essen sie in Hand. Irgendwie \u2026 l\u00e4ssig.<br \/>\nDen Rest der Zeit verbringe ich damit, in unterk\u00fchlten R\u00e4umen Preisverleihungen und Dankesreden beizuwohnen. Die Amerikaner bedanken sich grunds\u00e4tzlich beim Verlagsleiter, der Katze des Verlagsleiters, den Kindern der Katze des Verlagsleiters \u2026 Zwischendurch gibt es drau\u00dfen Kaffee mit Magermilch. Auch das Essen ist kalorienreduziert, und daher beschlie\u00dfe ich, auf einem Stadtbummel ausf\u00fchrlich ungesundes und fetthaltiges Essen zu mir zu nehmen. Das Problem ist: Es gibt keine Gesch\u00e4fte, in denen man es kaufen kann. Es gibt \u00fcberhaupt keine Gesch\u00e4fte. Ich hechle in der Hitze lange, gerade H\u00e4userfassaden entlang. Auf der Karte sieht alles ganz nah aus, bis zum wei\u00dfen Haus ist es blo\u00df die Stra\u00dfe runter \u2026 nur dass die Stra\u00dfe sieben Kilometer lang ist. Schlie\u00dflich finde ich ein Starbucks und hechte hinein, um den schweren, s\u00fc\u00dfen, amerikanischen Kuchen zu essen, den es bei uns im Starbucks gibt.<br \/>\nIm amerikanischen Starbucks gibt es Gesundheitstee und Vollkorn-Muffins mit Karottengelee.<br \/>\n\u00dcbrigens ist in DC alles rechtwinkelig. In den europ\u00e4ischen St\u00e4dten, sagt meine Lektorin, verl\u00e4uft man sich ja so leicht, in diesen verwinkelten alten Gassen und G\u00e4sschen \u2026 ich verlaufe mich in DC SOFORT. Das liegt am Mangel an verwinkeltes G\u00e4sschen, deren Aussehen ich mir merken k\u00f6nnte. In Washington sieht alles gleich aus. \u201eAber die Stra\u00dfen haben doch Nummer\u201c, sagt meine Lektorin, als ich Stunden sp\u00e4ter zum Hotel zur\u00fcckfinde.<br \/>\n\u201eNummern?\u201c, frage ich betreten. \u201eAch so &#8230;\u201c<br \/>\nBibliothekare in Amerika sind ebenfalls ganz anders als in Deutschland. Sie br\u00fcllen laute Parolen, hopsen in roten T-Shirts vor dem Capitol auf und ab und haben eine Menge Spa\u00df. Ich stelle mir vor, wie sich s\u00e4mtliche Bibliothekare Deutschlands vor dem Reichstag versammeln und kampfeslustig ihre Brillen schwingen \u2026<br \/>\nDie Autorin, die die lauteste Rede h\u00e4lt, schreibt B\u00fccher, die wegen der nicht jugendfreien Szenen aus vielen Bibliotheken \u201everbannt\u201c sind.  \u201eWohin denn verbannt?\u201c, erkundige ich mich.<br \/>\n\u201eOh, in eine besondere Ecke der Bibliothek\u201c, erkl\u00e4rt mir meine Lektorin. Na, das ist doch mal ein praktisches System f\u00fcr Teenies! Da wissen sie gleich, wo sie suchen m\u00fcssen!<br \/>\nSchlie\u00dflich fliege ich zur\u00fcck, in meinen nicht mehr geb\u00fcgelten Kordhosen. Der acht-Stunden-Zeit-Unterschied schl\u00e4gt erst jetzt zu: Seit ich in Amerika war, kann ich nachts nicht mehr schlafen. Sagen Sie es nicht weiter, aber ich stehe jetzt um Mitternacht immer heimlich auf, belege ein Toastbrot mit einem kahlen Salatblatt, trinke ein Glas Magermilch, gehe hinaus auf die Wiese und halte ausf\u00fchrliche Dankesreden &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amerika ist irgendwie \u2026 anders. Und nehmen Sie blo\u00df die Nullen aus dem Handgep\u00e4ck!<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-660","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=660"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}