{"id":662,"date":"2010-08-02T07:49:35","date_gmt":"2010-08-02T07:49:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=662"},"modified":"2010-08-02T07:49:35","modified_gmt":"2010-08-02T07:49:35","slug":"die-neuerfindung-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/die-neuerfindung-der-sprache\/","title":{"rendered":"Die Neuerfindung der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war das Lieblingswort der Murmel \u201eSauerkraut\u201c. Sie konnte es noch nicht selbst sagen, aber wenn wir es sagten, lachte sie sich jedes mal tot.<br \/>\nEs hei\u00dft ja, mit zwei Jahren w\u00fcrden Kinder jeden Tag 3 \u2013 5 Worte lernen. Nicht so die Murmel. Sie gestaltet jeden Tag 3 \u2013 5 Worte neu.<br \/>\nAn der Allee steht ein Maum, und o eina, noch eina, und an jedem Maum ist ein gr\u00fcnes Blabb. Gerne ist die Murmel Leisch, und vorhin habe ich das Liederbuch bleb, will sagen geklebt. \u201eHomm, homm!\u201c bedeutet komm, und wenn sie findet, man k\u00f6nnte jetzt wieder gehen und sie gef\u00e4lligst in Ruhe lassen, sagt sie resolut \u201ebye bye.\u201c Mann hei\u00dft \u201eMamm\u201c. Aber Frau hei\u00dft auch \u201eMamm\u201c. Gez\u00e4hlt wird \u201eeina, beibe, alle.\u201c<br \/>\nNeulich an der Supermarktkasse sang sie die ganze Zeit \u201eOmi, omi, omi\u201c, woraufhin die nicht mehr ganz junge Frau vor uns beleidigt guckte. Sie konnte ja nicht wissen, dass Omi Gummi bedeutet und die Murmel sich auf ihre Omi-B\u00e4rchen freute. Sie besitzt auch Omistiefel.<br \/>\n\u201eTiger\u201c kann sie nicht aussprechen. Daher hei\u00dfen alle gestreiften Tiere jetzt Dieter. Wenn Franz Mark w\u00fcsste, dass er \u201eDieter\u201c gemalt hat!<br \/>\nKuschelkissen hei\u00dft \u201ehmmm\u201c, schlafen hei\u00dft \u201elaa\u201c, Lolli hei\u00dft \u201eLila\u201c \u2026 und Wasser hei\u00dft \u201enee\u201c.<br \/>\n?<br \/>\nAm meisten liebt sie das Wort bllllau, was nicht etwa blau bedeutet, sondern sch\u00f6n. Der Grad der Begeisterung ist an der Anzahl der \u201el\u201c zu h\u00f6ren. H\u00e4sslich hei\u00dft \u201en\u00e4h\u201c.<br \/>\nAuch um Geschichten zu erz\u00e4hlen, muss man nicht viele Worte machen:<br \/>\n\u201eEia Baab laa\u201c zum Beispiel. \u201eDie Eier schlafen im Bad.\u201c Wir hatten uns geeinigt, dass die Eier im K\u00fchlschrank schlafen, damit die Murmel sie nicht im Rohzustand herausnimmt und wirft. Aber im Bad? Hat die Murmel ein Ei im W\u00e4schekorb versteckt?<br \/>\nDer gelbe Plastikfisch ist hingegen aus dem Bad verschwunden. Von einem Ei gefressen? Nein: \u201eBlubblub nini Auto\u201c. Translates into: Der Fisch ist mit der Gro\u00dfmutter der Murmel im Auto weggefahren. Wenn man bedenkt, dass \u201eNini\u201c tausend Kilometer weit weg wohnt, ist das erstaunlich. Hat Nini den Fisch abgeholt? Warum hat sie mir dann nicht wenigstens Guten Tag gesagt? Und was will sie mit dem Ding?<br \/>\nAufwachsend in Zeiten der Wirtschaftskrise, ist die Murmel sehr sparsam. So hat sie das Multifunktions-Wort entwickelt:<br \/>\nToto bedeutet je nach Aussprache Elefant oder Auto. Bobo kann Hund oder Po hei\u00dfen, Bobob hingegen Frosch. Somit hei\u00dft Hunde-Popo Bobobobo, Froschhintern Bobobbobo. Eia bedeutet nicht nur Eier, sondern auch Hase (beides hat sie an Ostern gelernt), Ma kann malen oder nochmal hei\u00dfen \u2026 Ma Ma demnach \u201enochmal malen\u201c, \u201eMama ma ma!\u201c \u201eMama soll nochmal malen.\u201c<br \/>\nWohingegen \u201eTot\u00f3 t\u00f3to tot.\u201c \u00fcbersetzbar w\u00e4re mit \u201eDer Elefant wurde vom Auto \u00fcberfahren.\u201c<br \/>\nGestern hatten wir uns unterhalten und damit aufgeh\u00f6rt, worauf hin die Murmel auf uns zeigte und sehr bestimmt verlangte: \u201eBlablablablablabla.\u201c Wir sollten weiterreden, das war so sch\u00f6n als Hintergrundmusik, w\u00e4hrend sie ihre gro\u00dfen Zehen mit Zahnpasta verzierte. \u00dcbrigens f\u00fcttert sie auch Schnittblumen mit Wei\u00dfbrot und Marienk\u00e4fer mit Kieselsteinen, aber das geh\u00f6rt hier nicht her, wir waren ja bei der Sprache.<br \/>\nAls wir in Augsburg in Toska sa\u00dfen, entstieg Toska einem Schrankkoffer (Inszenierungen in Augsburg sind \u2026 anders). Nachdem ihr Liebhaber sie aus mehreren Ikea-Teppichen ausgewickelt hatte, trug Toska darunter etwas blaues, aber sehr h\u00e4ssliches.<br \/>\n\u201eBllllau!\u201c, rief meine Mutter begeistert. \u201eN\u00e4\u00e4h\u201c, sagte ich abf\u00e4llig. Woraufhin wir beibe wegen eines Lachanfalls beinahe der Oper bye bye sagen mussten.<br \/>\nMein Mann und ich sprechen bisweilen nur murmlisch. Wenn wir abends von der Theatergruppe nach Hause gehen m\u00f6chten, w\u00fcrden wir eigentlich dies sagen:<br \/>\nEr: Ich muss ins Bett, schlafen.<br \/>\nIch: Oh, ja, das w\u00e4re sch\u00f6n! Ab in die Kissen!<br \/>\nEr: Wollen wir zum Auto gehen? Aber wo kriege ich um diese Uhrzeit noch was zu essen?<br \/>\nIch: Du k\u00f6nntest ein D\u00f6ner mitnehmen.<br \/>\nEr: Dann lass uns gehen.<br \/>\nWas wir tats\u00e4chlich sagen, klingt folgenderma\u00dfen:<br \/>\nEr: Laaa!<br \/>\nIch: Blau! Hmm!<br \/>\nEr: Toto? Nam nam?<br \/>\nIch: Leisch?<br \/>\nEr: Homm.<br \/>\nGerade sitzt die Murmel neben mir und singt: \u201eHeute, heute, heute.\u201c Ich wei\u00df nicht, was es hei\u00dft. Es k\u00f6nnte \u201eheute\u201c hei\u00dfen. Es k\u00f6nnte aber auch alles andere hei\u00dfen, von Fischfrikadelle bis Naherholungsgebiet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie den ber\u00fchmten \u201eDieter\u201c von Franz Marc? Und was macht die Omi in der Haribot\u00fcte?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-662","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-murmelkind"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/662","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=662"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/662\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}