{"id":675,"date":"2010-12-15T10:31:28","date_gmt":"2010-12-15T10:31:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=675"},"modified":"2010-12-15T10:31:28","modified_gmt":"2010-12-15T10:31:28","slug":"lese-eise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/lese-eise\/","title":{"rendered":"Lese-Eise"},"content":{"rendered":"<p>Im str\u00f6mendem Novemberregen fahre ich mal wieder auf Lesereise.<br \/>\nDer ICE steht vier Stunden auf der Strecke. Leider sind die Heizungen ausgefallen. Auch hei\u00dfen Kaffee gibt es nicht mehr. Daf\u00fcr verteilt das Zugpersonal erfrischende Kaltgetr\u00e4nke. Ich wickele mich in alle Pullover, die ich besitze. Die Frauen um mich herum tragen Minikleider und d\u00fcnne Strumpfhosen.<br \/>\nIch leihe mir ein Handy und rufe das Hotel an, das mir eine Nummer gibt, mit der ich den Safe \u00f6ffnen kann, der wiederum den Schl\u00fcssel enth\u00e4lt. Moderne Technik. Nach drei Stunden n\u00e4chtlichen Wartens in Bremen, einem besonders gem\u00fctlichen Bahnhof, komme ich tats\u00e4chlich beim Hotel an.<br \/>\nHinter einer S\u00e4ule versteckt finde ich den Safe &#8211; einen kleinen Kasten mit Display. Ohne Zahlen. Ich tippe eine Weile frierend auf dem Display herum \u2013 nichts passiert, nicht einmal, als ich einen Niesanfall bekomme. Schlie\u00dflich entdecke ich ein schwarzes Hebelchen, und als ich daran ziehe, geht eine mechanische Klappe auf. Dahinter kommt ein altes Zahlenschloss zum Vorschein.<br \/>\nVon wegen moderne Technik.<br \/>\nIn meinem Zimmer steht das Fenster weit offen \u2013 ich h\u00e4tte auch einfach so einsteigen k\u00f6nnen.<br \/>\nEs ist in jedem Fall sch\u00f6n frisch. Ich lege mich mit Kleidern ins Bett.<br \/>\nDie Bibliothekarin und beide Lehrerinnen der Klasse, f\u00fcr die ich am Morgen lese, tragen modische Kurzm\u00e4ntel und d\u00fcnne Strumpfhosen. Ich unterdr\u00fccke den beginnenden Husten und freue mich den ganzen Tag auf eine hei\u00dfe Dusche im n\u00e4chsten Hotel. Leider gibt es dort kein warmes Wasser.<br \/>\nDer Dame an der Rezeption, die ein Minikleid und d\u00fcnne Strumpfhosen tr\u00e4gt, kann da auch nichts machen.<br \/>\nAm Tag darauf wird mir gesagt, ich sollte ein Taxi zum Hotel nehmen, das ein Dorf weiter liegt. Ich komme in Dunkelheit und str\u00f6mendem Regen an. Am Bahnhof gibt es keine Taxis. Gl\u00fccklicher Weise nimmt eine nette Dame mich mit und setzt mich in einer ebenfalls dunklen Vorortstra\u00dfe ab. Vor einer geschlossenen Kneipe. \u201eDa hinten ist ein Licht\u201c, sagt sie zuversichtlich.<br \/>\nIch klettere durch feuchte B\u00fcsche und Blumenbeete  \u2013 und stehe vor einer Terrassent\u00fcr. Dahinter sieht eine \u00e4ltere Dame fern. Offenbar bin ich hier falsch\u2026 aber nein, die \u00e4ltere Dame rei\u00dft pl\u00f6tzlich die T\u00fcr auf und sagt. \u201eIch hole schnell den Hotelschl\u00fcssel,  mache die T\u00fcr aber solange wieder zu. Um diese Jahreszeit kommen sonst sofort die M\u00fccken ins Haus!\u201c<br \/>\nDas Hotel befindet sich in einer Art Garage nebenan.<br \/>\nLeider haben in meinem Zimmer die letzte Woche \u00fcber zwei Kettenraucher gewohnt, die \u00e4ltere Dame hat den ganzen Tag gel\u00fcftet. Nun ist es kalt und verr\u00e4uchert. Ich wage nicht, die Dusche auszuprobieren. Die W\u00e4nde sind kahl, der Boden gefliest, ich f\u00fchle mich ein wenig an ein gewisses Pilgerhotel in Indien erinnert \u2026 Zu essen gibt es in diesem Ort abends auch nichts mehr, erkl\u00e4rt mir die \u00e4ltere Dame, aber sie bringt mir Tee und Lebkuchen. Dankbar sitze ich in zwei Decken gewickelt und trinke den Tee. Auf der Stra\u00dfe gehen zwei junge M\u00e4dchen mit Regenm\u00e4nteln bis kurz \u00fcber den Po und d\u00fcnnen Strumpfhosen vorbei.<br \/>\nIn Frankfurt, wo ich danach hinfahre, schl\u00e4gt das Wetter um. Es regnet jetzt von Westen statt von Osten. Der Hauptbahnhof ist voller Frauen in kurzen Kleidern und d\u00fcnnen Strumpfhosen. Manche scheinen auch nur Strumpfhosen anzuhaben. Wichtig ist offenbar, dass man sie in die Stiefel stecken kann, welche aus labbrigem Stoff mit Plastiksohle bestehen, in die der Regen sofort eindringt. Eine moderne Variante von Fakirtum?<br \/>\nIm Starbucks l\u00e4uft tats\u00e4chlich die Heizung! Aber die T\u00fcren stehen offen. Ich niese, bestelle einen Kaffee, niese, hole den Kaffee eine Minute zu sp\u00e4t ab und werde von einer kleinen wehrhaften Asiatin angeschrien, erst auf vietnamesisch, dann auf deutsch, weil sie jemand anderem meinen Kaffee gegeben hat. Versch\u00fcchtert ziehe ich mich in eine sichere, aber k\u00fchle Ecke zur\u00fcck und niese weiter. Als ich am n\u00e4chsten Tag wiederkomme, in der Hoffnung, jetzt vielleicht doch einen Kaffee zu bekommen, sagt der Mann hinter dem Tresen: \u201eGeht es Ihnen heute besser? Gestern waren Sie so komisch.\u201c<br \/>\n\u00dcbrigens ist mein Hotel in einem Frankfurter Vorort auch sehr sch\u00f6n. Es liegt an der Ausfallstra\u00dfe gleich hinter der Tankstelle, man braucht von der U-Bahnhaltestelle nur ein knappes St\u00fcndchen durch den Regen zu laufen. Es g\u00e4be auch einen Bus, aber der Busfahrer h\u00e4lt an einer anderen Stelle des Busbahnhofs als der ausgezeichneten und f\u00e4hrt dann fr\u00f6hlich winkend an den Wartenden vorbei. Im Hotel muss man bar vorauszahlen und wird sehr misstrauisch betrachtet.<br \/>\n\u201eGibt es ein Telefon auf dem Zimmer?\u201c, fragte ich, denn ich w\u00fcrde gern mal zu Hause anrufen.<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte die Rezeptionistin. \u201eAber damit k\u00f6nnen sie nicht raustelefonieren.\u201c<br \/>\n\u201eUnd haben sie internet?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagt sie, \u201eaber das funktioniert nur, wenn man es vorher anruft.\u201c<br \/>\nLangsam glaube ich, Nichthandybesitzer werden in Deutschland diskriminiert. Sind die d\u00fcnnen Strumpfhosen und das Minikleid der Rezeptionistin auch \u00fcbers Handy programmierbar, um dann elektronisch von innen zu w\u00e4rmen? Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es leicht feuchte, versteinerte Br\u00f6tchen. Ich fahre zur\u00fcck gen Norden.<br \/>\nLeider ist der Zug wieder nicht geheizt, aber die L\u00fcftung, die funktioniert hervorragend.<br \/>\nIm n\u00e4chsten Ort bin ich zu fr\u00fch. Das Hotel \u00f6ffnet erst sp\u00e4tabends. Vorher kann man es, wenn man ein Handy hat, anrufen. Ich gehe mit meinen 20 Kilo Gep\u00e4ck im Regen spazieren. Und kaufe einen Wollpullover.<br \/>\n\u201eDas ist kein Pullover\u201c, sagt die Verk\u00e4uferin. \u201eDas ist ein Minikleid. Am besten tr\u00e4gt man es zu d\u00fcnnen Strumpfhosen &#8230;\u201c<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag setzt mich die Bibliothekarin auf einem Bahnhof im Nichts ab. Na, der Zug kommt ja schon in ein paar Stunden, und es regnet auch nicht mehr. Jetzt schneit es.<br \/>\nIch sehe von Ferne eine B\u00e4ckerei mit einem Schild \u201eHei\u00dfgetr\u00e4nke zum Mitnehmen\u201c und renne los. Sollte das der erste hei\u00dfe Kaffee meiner Lesereise werden? Nein, die B\u00e4ckerei hat vor einer Minute geschlossen und macht jetzt drei Stunden Mittagspause. Naja.<br \/>\nJetzt sitze ich wieder in Frankfurt. Ich trage mein Woll-Minikleid, eine d\u00fcnne Strumpfhose, noch ein Wollminikleid, noch eine Strumpfhose, meine normale Hose, meine Strickjacke, meinen Mantel und \u2026 hier gibt es ein Telefon.<br \/>\n\u201eWas ist denn mit dir los?\u201c, fragt meine Mutter am anderen Ende der Leitung erstaunt. \u201eDu h\u00f6rst dich ja so erk\u00e4ltet an.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schwimme quer durch Deutschland, erw\u00e4ge, einen Hotelf\u00fchrer zu schreiben, und frage mich, ob die Herbstmode elektronisch heizbar ist.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-675","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lesung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=675"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/675\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}