{"id":678,"date":"2010-12-15T10:34:07","date_gmt":"2010-12-15T10:34:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=678"},"modified":"2010-12-15T10:34:07","modified_gmt":"2010-12-15T10:34:07","slug":"der-marchenertrailer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/der-marchenertrailer\/","title":{"rendered":"Der M\u00e4rchenertrailer"},"content":{"rendered":"<p>Bisher dachte ich, ein Trailer w\u00e4re ein T-f\u00f6rmiges Aluminiumutensil, um Boote zu transportieren. Nein. Ich lerne: Es ist ein internet-f\u00f6rmiges Werbeutensil, um den Wunsch zu transportieren, ein bestimmtes Buch zu kaufen.<br \/>\nWenn alle etwas tun, muss man es auch tun, das ist das Gesetz der freien Markwirtschaft, und so beschlie\u00dfen wir, einen Trailer zum \u201eM\u00e4rchenerz\u00e4hler\u201c zu machen, der im Januar bei Oetinger erscheint. Oetinger hat auch ein Budget daf\u00fcr eingeplant. Es reicht knapp f\u00fcr das Honorar des Regisseurs. Seufzend verkaufe ich ein paar alte Pelzm\u00e4ntel und Goldbarren und mache mich daran, eine Art Drehbuch zu schreiben.<br \/>\nNat\u00fcrlich gibt es im M\u00e4rchenerz\u00e4hler ein M\u00e4rchen, und daher brauchen wir eine M\u00e4rchenszene, und es gibt ein Schiff und eine zugefrorene Ostsee und Schnee und Blut &#8230; und irgendwo ist all dies zwar vorhanden, aber nicht an der richtigen Stelle, n\u00e4mlich im Studio.<br \/>\nNa, daf\u00fcr hat man ja den Greenscreen, sagt Harald, der Regisseur. Das ist eine gr\u00fcne Wand, die war fr\u00fcher blau, aber jetzt ist sie gr\u00fcn, und sp\u00e4ter weg. Aha.<br \/>\nIch sammle meine Schauspieler ein, zwei Jugendliche und ein kleines M\u00e4dchen von sechs Jahren, und begebe mich zum Studio am Kottbusserdamm. Der Taxifahrer h\u00e4lt vor einem bombastischen Hotel mit blinkender, glitzernder, strahlender Weihnachtsbeleuchtung. Ich sehe schon gepolsterte Umkleidekabinen vor mir, sanft s\u00e4uselnde Schminkspezialisten &#8230; der Regisseur wird wahrscheinlich im Abendkleid erscheinen.<br \/>\n\u201eWollten Sie nicht zum Kuhdamm?\u201c, fragt der Taxifahrer. Nein. Wir wollten zum Kottbusserdamm, falsche Stra\u00dfe, richtige Hausnummer. Am Kottubsserdamm gehen wir durch einen vereisten Hinterhof und folgen einem handgemalten Schild drei graue Treppenfluchten hinauf ins Studio.<br \/>\nTats\u00e4chlich ist die eine H\u00e4lfte davon gr\u00fcn gestrichen. Hinten gibt es, erkl\u00e4rt man uns, die Hohlkehle, dort hebt sich der Boden ein wenig und geht in die Wand \u00fcber, damit man die Kante nicht sieht. Man darf den Boden dort nicht betreten, was sich da anhebt, ist n\u00e4mlich nur eine d\u00fcnne gr\u00fcne Membran &#8230; Und dann wird alles 115 Mal ausgemessen, es muss genau berechnet werden wo jeder Schauspieler wann steht, davon der Sinus und der Cosinus genommen und durch die Schuhgr\u00f6\u00dfe der Regieassistentin geteilt \u2026 \u201eWeiter nach hinten!\u201c, ruft Harald dem Hauptdarsteller zu. \u201eNoch weiter \u2026 haaalt!\u201c<br \/>\nZu sp\u00e4t, Paul ist mit einem Fu\u00df in die Hohlkehle eingebrochen.<br \/>\nNa, nehmen wir bis zur Reparatur erstmal das Blut auf. Das soll auf einen Badezimmerfu\u00dfboden tropfen und dann weggewischt werden, was ich mir ganz einfach vorstellte. Ist es aber nicht: Es d\u00fcrfen keine F\u00fc\u00dfe, Arme, Nasen und Schatten auf dem Bild sein \u2026 der Kameramann lehnt sich an die T\u00fcr, steckt den linken Arm unter dem rechten Bein durch und filmt, w\u00e4hrend der Tropfen-Wegwischer auf dem rechten Daumen balanciert, die F\u00fc\u00dfe in der Luft, und mit der linken Hand wischt. Die Kamera wiegt 45 Kilo. \u201eRuhig halten!\u201c, ruft Harald, \u201eganz entspannt \u2026 und jetzt den Schwenk zum Fenster \u2026.\u201c Der Kameramann macht einen Knoten in seinen Hals und bedient die Kn\u00f6pfe mit dem linken Ohr. Blut gibt es ein Hustensaftfl\u00e4schchen voll. Ich sehe zu, wie die Tropfen fallen: Sie haben ungef\u00e4hr einen Millimeterdurchmesser.<br \/>\n\u201eHarald\u201c, sage ich, \u201eWir brauchen MEHR BLUT.\u201c<br \/>\nKurzzeitig erw\u00e4gen wir, ein Bein des Kameramannes zu amputieren, das sowieso die ganze Zeit im Weg ist, einigen uns dann aber auf beeindruckende zwei Millimeter Tropfendruchmesser. Und schlie\u00dflich kommen wir zu  der Szene mit unserem Schiff. Das Schiff ist ein Modell in Pudelgr\u00f6\u00dfe, doch etwas klein f\u00fcr ein sechsj\u00e4hriges Kind. Wir waschen die kleine Nelly hei\u00df \u2026 nein. Das Schiff wird sp\u00e4ter \u201ereingeschnitten\u201c, Nelly steigt auf einen mit gr\u00fcnem Tuch bedeckten Tisch und klettert \u00fcber eine Latte, die sp\u00e4ter die Reling sein wird, um dann aufs \u201eEis\u201c hinunterzuspringen. Dazu muss sie eine sehr h\u00e4ssliche rosa Daunenjacke mit Pelzkragen tragen, M\u00fctze, Handschuhe, einen K\u00f6nigsumhang und eine Krone. Die Scheinwerfer verbreiten gem\u00fctliche W\u00e4rme. Nelly klettert zur Probe, klettert noch einmal, wird ausgemessen, klettert wieder \u2026 die Schwei\u00dfperlen stehen ihr auf der Stirn. Dann f\u00e4llt ihnen ein, dass sie vergessen haben, die Latte gr\u00fcn anzustreichen, die darf man ja sp\u00e4ter nicht sehen. Also wird sie mit schnelltrocknender Farbe bemalt und gef\u00f6hnt, und dann klettert Nelly wieder, mit M\u00fctze, in der Daunenjacke \u2026 \u201eGanz entspannt!\u201c, ruft Harald. \u201eUnd jetzt losrennen &#8230;\u201c<br \/>\nPaul und Laura, die Hauptdarsteller, warten Stund um Stund, bis sie endlich an der Reihe sind. Und nun wird es interessant, denn Paul muss Nelly im Kreis schleudern.<br \/>\n\u201eUnd nochmal rum! Und in die andere Richtung! Haaalt, so sitzt der Schal falsch!\u201c<br \/>\nNach ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig Mal herumschleudern werden alle Abst\u00e4nde, Nasen und Kn\u00f6pfe neu ausgemessen, und das ganze geht von vorne los. W\u00e4hrend der Pausen darf nichts ausgezogen werden, kein \u00c4rmel darf verrutschen \u2026 und nochmal aufeinander zu rennen! Und drehen! Schneller! L\u00e4cheln!<br \/>\n\u201eIst euch etwa schwindelig?\u201c, fragt Harald erstaunt.<br \/>\nSchlie\u00dflich setzt Nelly sich auf den Boden und streikt.<br \/>\nDie letzte Szene folgt, in der Laura beschriebene Bl\u00e4tter in den Wind werfen soll. Welchen Wind? Na, wir nehmen einen Ventilator \u2026doch die Bl\u00e4tter kleben stur in Lauras Hand und wollen sich nicht l\u00f6sen. Harald r\u00fcckt den Ventilator n\u00e4her. Aber den darf man ja nicht sehen \u2026 und die Hand, die ihn h\u00e4lt, auch nicht \u2026 wir streichen den Ventilator gr\u00fcn an. Wir streichen das Kabel gr\u00fcn an. Wir streichen Harald gr\u00fcn an, das ist viel praktischer. Und schlie\u00dflich haben wir die Szenen alle im Kasten, oder eher im Computer, nur finden wir den nicht mehr, weil wir ihn gr\u00fcn angestrichen haben.<br \/>\nEtwas sp\u00e4ter nehme ich in Greifswald die Musik auf, Verzeihung: Den Sound. Wir kennen jemanden mit einem tragbaren Tonstudio, das sich als zernagter Holzblock auf einem Notenst\u00e4nder entpuppt. Das Mikro stellt man zwischen die zernagten Holzteile, dann klingt es sp\u00e4ter nicht so, als w\u00e4re es in einem hallenden Raum aufgenommen. Sondern? Als w\u00e4re es in einem kaputten Baum aufgenommen? Ich \u00fcberlege, ob man das Holz nicht gr\u00fcn streichen sollte \u2026 Das halbe Repertoire der Musiker d\u00fcrfen wir nicht ben\u00fctzen, stellen wir fest, weil wir daf\u00fcr erst einen Antrag an die GEMA stellen m\u00fcssten. Die Komponisten leben alle noch.<br \/>\n\u201eUnd wenn wir das ganz schnell \u00e4ndern \u2026?\u201c, frage ich vorsichtig. N\u00fctzt nichts, sagen die Musiker, die Komponisten m\u00fcssen seit 70 JAHREN tot sein. Also spielen sie zwei GEMA-freie St\u00fccke ein, die \u00fcberhaupt nicht zum Trailer passen. Dazwischen schneidet unser Tonmeister etwas Stille f\u00fcr die Pausen und wir schicken das ganze an Harald.<br \/>\n\u201eNa ja\u201c, sagt er, \u201emit der Musik kann ich leider nichts anfangen. Aber die Stille ist sehr sch\u00f6n.\u201c<br \/>\nDas stellt uns vor ein neues Problem: Ist Stille GEMA-frei? Wenn man sich so umsieht und umh\u00f6rt in der hektischen Weihnachtszeit, w\u00fcrde ich sagen: Ja. Sie ist definitiv seit 70 Jahren tot.<br \/>\nLieber Leser! Sollten Sie irgendwann den Trailer sehen und das Buch kaufen, und sollte es Ihnen nicht gefallen \u2013 dann streichen sie es einfach gr\u00fcn. Dann ist es weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Buchtrailer zu drehen, kostet zwei Monate Zeit, drei\u00dfig Kilometer Nerven, ein Verm\u00f6gen und beinahe das Leben des Regisseurs. Ein Buchtrailer dauert 60 Sekunden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-678","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=678"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}