{"id":682,"date":"2011-03-01T19:43:13","date_gmt":"2011-03-01T19:43:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=682"},"modified":"2011-03-01T19:43:13","modified_gmt":"2011-03-01T19:43:13","slug":"andamanie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/andamanie\/","title":{"rendered":"Andamanie"},"content":{"rendered":"<p>Die Andamanen sind eine bewaldete Inselgruppe im indischen Ozean, noch verschont vom Tourismus, voller exotischer V\u00f6gel, Elefanten, afrikanisch st\u00e4mmiger Eingeborener und Salzwasserkrokodile. Schreibt unser Reisef\u00fchrer. Tatsache ist, dass unser Reisef\u00fchrer noch nie auf den Andamanen war.<br \/>\nWir kommen auf dem Flugplatz in Port Blair an und m\u00fcssen zun\u00e4chst einen f\u00fcnfseitigen Antrag ausf\u00fcllen \u2013 so wie die hundert anderen Touristen auch. Sodann erhalten wir jeder ein Permit; eine Erlaubnis, die Inseln zu besichtigen. Port Blair ist laut und stinkt. Macht nichts, wir fahren hinaus in den Strandort Wandoor. Von dort aus kann man per Boot eine Gruppe unber\u00fchrter Inselchen besuchen, ein Kleinod des Naturschutzes.<br \/>\nDas Hotel am Strand, das unser Reisef\u00fchrer beschreibt, existiert nicht, aber wir finden eine kleine Absteige an einem v\u00f6llig anderen Ort, wo wir brav die Nummern unserer Permits ins G\u00e4stebuch eintragen. Am n\u00e4chsten Morgen p\u00fcnktlich um 5 Uhr stellen wir uns vor einem kleinen Bootshaus an. Bis 8 Uhr geschieht nichts. Dann kommen mehrere Busladungen indischer Touristen und dr\u00e4ngen uns aus der Schlange, und nach zwei Stunden Ellenbogenarbeit erreichen wir das Schalterfenster, wo wir die Nummern der Permits, Visa, P\u00e4sse und unsere Schuhgr\u00f6\u00dfen angeben und jeder vier Formulare ausf\u00fcllen.<br \/>\nDanach steigen wir mit den indischen Touristen auf ein motorisiertes Schiff zu einer der vielen unber\u00fchrten Inseln. Vorher werden wir allerdings nach Plastikt\u00fcten durchsucht. Plastikt\u00fcten sind n\u00e4mlich wegen des Naturschutzes auf den Andamanen verboten. Die Inder essen und trinken auf dem Schiff, plastikt\u00fctenfrei, und werfen nur ihre Plastikflaschen, Plastikfolien und Plastikeinwickelpapiere aus dem Fenster.<br \/>\nAuf der unber\u00fchrten Insel ankert unser Schiff neben vier anderen. Hier gibt es einen Schwimmwesten-Verleih, und die indischen Familien begeben sich s\u00e4mtlich in leuchtendem Orange zum Plantschen und L\u00e4rmen ins Wasser. Wir schnorcheln ein wenig abseits, wo das Unterwasserleben sich farbenpr\u00e4chtig um uns entfaltet \u2013 violette Seesterne, gelb-blau gestreifte Fische, rote Korallen. Sie scheinen sich nicht am fr\u00f6hlichen Treiben in der N\u00e4he zu st\u00f6ren &#8211; vielleicht liegt es daran, dass Korallen und Seesterne taub sind. (Die Fische inzwischen wahrscheinlich auch). Nachdem wir die \u00f6ffentlichen Toiletten und den malerischen M\u00fcll im Urwald bewundert haben, kehren wir zur\u00fcck nach Port Blair, von wo aus Schiffe auf die anderen unber\u00fchrten Inseln fahren.<br \/>\nUm eine Karte f\u00fcr eine F\u00e4hre zu ergattern, muss man sich allerdings drei Stunden anstellen. Als wir es geschafft haben, an die Spitze der Schlange zu r\u00fccken, stellen wir fest, dass wir hier eine beglaubigte Kopie unseres Permits und unserer P\u00e4sse brauchen. Wir fahre zu einem Copyshop, lassen sicherheitshalber gleich unsere Geburtsurkunden und Flugtickets in siebenfacher Ausf\u00fchrung mitkopieren und schaffen es schlie\u00dflich auf die n\u00e4chste Insel: Havelock. Hier gibt es die meisten Touristen, und wir stellen bald auch fest, weshalb: Man kommt von dort nicht mehr weg. Alle F\u00e4hrtickets sind auf f\u00fcnf Tage im Voraus ausverkauft, und die einzige Pension der ruhigen Nachbarinsel Neil ist angeblich voll. Bezeichnender Weise scheint niemand je auf Neil gewesen zu sein.<br \/>\nWir f\u00fcllen ein f\u00fcnfseitiges Dokument aus, mieten R\u00e4der und machen uns auf den nach Reisef\u00fchrer \u201ekurzen und erholsamen Weg\u201c zu einem einsamen Strand. Der Weg f\u00fchrt durch malerische Berge, hinauf und hinunter. Na ja, eher hinauf. Schwitzend schieben wir die R\u00e4der durch die Mittagshitze, Stund um Stund \u2026 am einsamen Strand gibt es eine ganze Stra\u00dfe voller Andenkenbuden und eine Menge Busse, die gerade mit vielen indischen Touristen angekommen sind.<br \/>\nTags darauf versuchen wir es mit einem anderen Strand, und der menschenleere Urwaldpfad f\u00fchrt und zu einem einsamen \u2026 Sumpf. Als wir endlich den zugeh\u00f6rigen Strand finden, tritt gerade die Flut ein und \u00fcberschw\u00e4mmt ihn, die indischen Reisegruppen, die mit bequemen Motorbooten gekommen sind, fahren soeben ab.<br \/>\nBitte, versuchen wir es mit Muschelnsammeln vor unserer Pension. Dumm nur, dass die Muscheln immer weggehen, sobald man sie sammeln m\u00f6chte. Sie sind s\u00e4mtlich bewohnt von Einsiedlerkrebsen, und ich glaube, einen von ihnen sagen zu h\u00f6ren: \u201eUm hier Muscheln zu sammeln, m\u00fcssen Sie erst ein siebenseitiges Dokument ausf\u00fcllen und eine Kopie der Heiratsurkunde ihrer Gro\u00dfeltern im Sand vergraben &#8230;\u201c Die n\u00e4chsten Tage verbringen wir damit, die Krebse mit indischem Pop Corn zu f\u00fcttern, das aussieht, als w\u00fcrde es nachts leuchten. Ob die Krebse jetzt auch nachts leuchten?<br \/>\nSchlie\u00dflich kehren wir in Ermangelung anderer F\u00e4hrtickets zur\u00fcck nach Port Blair und fahren mit dem Bus hinauf zur n\u00e4chsten Insel, wo die afrikanischen Eingeborenen leben. An jedem Busstop gibt es Tee in kleinen Plastikbechern, die man nach Gebrauch in den Urwald wirft. Milit\u00e4rmotorr\u00e4der f\u00fchren die Busse durch den Dschungel, wo die Eingeborenen stehen und winken. Manche von ihnen machen auch Morgengymnastik auf der Asphaltstra\u00dfe, und ich glaube, einige gesehen zu haben, die gerade mit der Herstellung von Plastik oder Formularen besch\u00e4ftigt waren \u2026<br \/>\nDas winzige Interview Island, sagt unser Reisef\u00fchrer, hat einen seltsamen Namen, ist aber der H\u00f6hepunkt der Andamanen, wenn man \u201ewildlife\u201c beobachten m\u00f6chte. Sie wird nur von einer Gruppe Wildh\u00fctern bewohnt, die dort die Krokodile, Elefanten und seltenen Schwalbenarten h\u00fcten.<br \/>\nWir tragen uns auf der n\u00e4chstgr\u00f6\u00dferen Insel in einem Wildlife-Conservancy-Office in sechs unterschiedliche B\u00fccher ein, bezahlen eine Geb\u00fchr daf\u00fcr, dass wir noch dreizehn andere Dokumente ausf\u00fcllen d\u00fcrfen, und besteigen gespannt um 5 Uhr morgens ein kleines Holzboot. Der Fischer, dem es geh\u00f6rt, f\u00e4hrt uns gegen 8 Uhr an malerischen Mangrovenw\u00e4ldern vorbei. Wir w\u00fcrden den Fischer gern fragen, ob dort V\u00f6gel wohnen, aber das ohrenbet\u00e4ubende Motorengeknatter macht jede Kommunikation unm\u00f6glich.<br \/>\nAuf Interview Island f\u00fchren uns die Wildh\u00fcter gleich in den Dschungel und scheuchen uns \u2013 rasch, rasch! &#8211; bis ans andere Ende der Insel. Sie sind mit gro\u00dfen Gewehren bewaffnet, um uns vor den fleischfressenden S\u00e4belzahnelefanten zu sch\u00fctzen. Die Gewehre halten sie allerdigns verkehrt herum, und Munition tragen sie auch keine; ein Gl\u00fcck f\u00fcr die Elefanten. Unklar bleibt, weshalb wir so rennen. Haben wir eine Verabredung mit den Schwalben? Kommen die Krokodile nur um eine bestimmte Uhrzeit an Land? Unser Ziel ist dann weder ein Krokodil- noch ein Schwalbenbrutplatz, sondern ein verfallenes Haus. Das war die alte Forschungsstation, teilt man uns mit. Die Elefanten haben sie einfach kaputt gemacht. Die bl\u00f6den Elefanten haben auch jede Menge Plastikm\u00fcll hinterlassen, zerbrochene Flaschen, Spritzen, Blisterstreifen und alte Elektroger\u00e4te. Wir picknicken mitten im M\u00fcll und tragen uns mit den Nummern unserer Permits, Visa, P\u00e4sse, Blutgruppen und Sehst\u00e4rken ins G\u00e4stebuch ein. Auf dem R\u00fcckweg singen und tanzen die Wildh\u00fcter laut zur Musik ihrer Handys. Einmal sehen wir beinahe ein Reh, aber es l\u00e4uft weg, und das ist doch, finden alle, sehr erstaunlich.<br \/>\nDas faszinierendste Tier der Andamanen ist \u00fcbrigens die Seegurke: eine Art dicker, br\u00e4unlich-l\u00e4nglicher Wurst die auf dem Meeresboden liegt und sonst nichts tut. Sie hat sich bis jetzt auf allen Inseln gehalten, da sie immun ist gegen Plastikm\u00fcll, blind, taub und zu nichts zu gebrauchen. Die Andamanier sind sehr stolz auf ihre Seegurken, und die Inseln sind definitiv eine Reise wert, um diese einmalige Spezies zu bewundern.<br \/>\nFalls sie uns besuchen m\u00f6chten, liebe Leser \u2013 wir sind noch da. Leider haben wir n\u00e4mlich die n\u00f6tigen Kopien unserer Abiturzeugnisse vergessen, die zur Ausreise n\u00f6tig sind. Und noch sind wir beim Ausf\u00fcllen des Formulars f\u00fcr eine zeugnislose Ausreise erst auf Seite 154 angekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Andaman Islands vor Indien wimmelt es nur so von Schlangen, viele davon lebensgef\u00e4hrlich. 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