{"id":684,"date":"2011-04-08T08:03:46","date_gmt":"2011-04-08T08:03:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=684"},"modified":"2011-04-08T08:03:46","modified_gmt":"2011-04-08T08:03:46","slug":"kerala-curry-fur-tanja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/kerala-curry-fur-tanja\/","title":{"rendered":"Kerala-Curry f\u00fcr Tanja"},"content":{"rendered":"<p>Als ich zum ersten Mal nach Indien kam, freute mich \u00fcber den leckeren Reis mit den vielf\u00e4ltigen Saucen \u2013 gleich zwei, aus Kokos und Chili, mm! Am n\u00e4chsten Tag stellte ich erfreut fest, dass es schon wieder den leckeren Reis mit den beiden Saucen gab. Am dritten Tag war ich nicht mehr verwundert, als es Reis gab. Am hundertf\u00fcnften Tag bestand die H\u00e4lfte meiner k\u00f6rpereigene Biomasse aus Reis (die andere H\u00e4lfte aus Kokossauce).<br \/>\nDamals erkl\u00e4rten mir alle Inder, dieses oder jenes Gericht w\u00e4re gut f\u00fcr die Verdauung. Am Ende war meine Verdauung so gut, dass ich mehrere Wochen in unmittelbarer N\u00e4he zur Toilette verbrachte. Als meine Freundin Tanja daher erkl\u00e4rte, sie w\u00e4re noch nie in Indien gewesen, beschloss ich, dass eine Reise dorthin gut f\u00fcr ihre Verdauung w\u00e4re.<br \/>\nNach zwei Wochen Andamanen-Urlaub schickte ich meinen Mann also nach Hause und traf Tanja in Madras. Zuf\u00e4llig heiratete an diesem Tag eine Bekannte, und so war Tanjas erstes Essen in Indien ein Hochzeitsessen. Hochzeiten finden in Indien in gro\u00dfen eigens daf\u00fcr erbauten kahlen Turnhallen statt und bestehen vor allem daraus, dass die G\u00e4ste ohne erkennbaren Sinn zwischen langen Reihen von Plastikst\u00fchlen hin und her gehen. Das Brautpaar wird auf eine B\u00fchne gestellt, mit Blumengirlanden beh\u00e4ngt und f\u00fcr ungef\u00e4hr zw\u00f6lf Stunden in l\u00e4chelnder Position eingefroren, damit alle sich mit ihm ablichten lassen k\u00f6nnen.<br \/>\nIn unserem Fall war der Br\u00e4utigam wohlhabend und konnte es sich leisten, w\u00e4hrend der ganzen Zeit eine Kapelle spielen zu lassen, die durch ungef\u00e4hr 70 Lautsprecher verst\u00e4rkt wurde. Die meisten Inder, muss man dazu sagen, sind taub. Ob das daran liegt, dass sie st\u00e4ndig ohne Geh\u00f6rschutz ihre Stra\u00dfen mit Presslufth\u00e4mmern aufrei\u00dfen oder ob sie bei den Hochzeiten ertauben und hinterher im Stra\u00dfenbau eingesetzt werden, bleibt fraglich.<br \/>\nAm Ende wird man als Hochzeitsgast in den Keller gescheucht und dort an einen langen Biertisch gesetzt, wo man ein Bananenblatt als Teller erh\u00e4lt. Durcheilenden Bedienstete klatschen einem Reis und Sauce aus gro\u00dfen Eimern vor die Nase, w\u00e4hrend die n\u00e4chsten G\u00e4ste ungeduldig mit den F\u00fc\u00dfen scharren, weil sie auf einen Sitzplatz warten.<br \/>\nTanja schlug sich tapfer, aber der indische Stra\u00dfenverkehr hatte sie bereits am ersten Tag so traumatisiert, dass sie ohnehin nicht merkte, was sie a\u00df.<br \/>\nIn Indien haben sie Linksverkehr. Es hat mich allerdings damals ein halbes Jahr gekostet, das herauszufinden \u2013 und die meisten Inder wissen es bis heute nicht.<br \/>\nWir setzten unsere Reise fort, in dem wir nachts einen Zug verpassten, auf den wir f\u00fcnf Stunden am verkehrten Gleis gewartet hatten. Dann fuhren wir ins Naturschutzgebiet der Nilgiri Blue Mountains \u2013 ber\u00fchmt bei deutschen Teekennern. Aus der alten Dampfeisenbahn hat man angeblich wunderbare Ausblicke in m\u00f6rderische Schluchten. Und wir fuhren wirklich \u00fcber eine oder zwei Br\u00fccken. Alle Inder im Wagen kreischten, wenn sie in die atemberaubende Tiefe von zwei Meter f\u00fcnfzig blickten.<br \/>\nBei den Indern im Zug handelte es sich \u2013 sieh an &#8211; eine Hochzeitsgesellschaft. Ihre Bananenbl\u00e4tter waren sehr modern, n\u00e4mlich aus gr\u00fcnem Plastik. Nach Gebrauch warfen sie sie aus dem Zugfenster, und das Gr\u00fcn machte sich in den Teeplantagen viel h\u00fcbscher als der andersfarbige Plastikm\u00fcll. Ungef\u00e4hr 90 Prozent des Nilgiri-Tees, den der deutsche Teekenner importiert, besteht in Wahrheit aus kleingeheckseltem Plastikm\u00fcll \u2026<br \/>\nIm Bergort Ooty stie\u00dfen wir auf ein neues Dilemma der indischen K\u00fcche: eine Menge wohlhabender Inder besucht diesen Ort zur Kur und w\u00fcrde zur k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung auf dem eingez\u00e4unten See Tretboot fahren. W\u00e4re es nicht verboten, \u00fcbergewichtige Menschen auf die Boote zu lassen. Der indische Durchschnittsreiche wiegt zwischen zwei und drei einhalb Tonnen \u2026 zum Trost hat man neben dem See eine Fressmeile eingerichtet, die Chocolate Fudge zu Kilopreisen verkauft.<br \/>\nAls n\u00e4chstes versuchten wir uns an der K\u00fcche Keralas. Kerala, hatten unsere indischen Freunde gesagt, ist gr\u00fcn und kalt. Es war tats\u00e4chlich beinahe 40 Grad kalt. Und nicht gr\u00fcn, sondern rot. Seit die Kommunisten in Kerala herrschen, sind alle Unternehmer weggezogen; nur noch der Tourismus h\u00e4lt das Land \u00fcber Wasser.<br \/>\nWeil es bekannt ist, dass Touristen gern den einheimischen Fischfang knipsen, hat man entlang der Lagunen riesige chinesischer Netze aufgestellt, an denen man in handgeh\u00e4kelten Hausbooten vor\u00fcberfahren kann. Die Netze bestehen aus einer H\u00e4ngematte, die ins Wasser gelassen werden kann. Alle Fische, die dumm genug sind, sich beim Heraufziehen oberhalb der H\u00e4ngematte zu befinden, werden gefangen. Keralische Fische sind nicht dumm.<br \/>\nWir haben ungef\u00e4hr dreihundert Netze gesehen \u2013 darin jedoch keinen einzigen Fisch. Um die Touristen trotzdem bei Laune zu halten, importiert Kerala tiefgek\u00fchlten Fisch aus Deutschland, nehme ich an.<br \/>\nSo kam es, dass ich eines Abends vor einem Fischgericht sa\u00df. Tanja sa\u00df dahinter, die wollte es n\u00e4mlich essen. Ich hatte vergessen, ihr zu sagen, wie Fisch in Indien zubereitet wird: Man nehme das Tier \u2013 im ganzen \u2013 zerschneide es mit einer K\u00fcchenschere in kleine St\u00fccke und werfe es in eine rote Sauce, so dass auf keinen Fall von au\u00dfen zu sehen ist, welche Teile welche Gr\u00e4ten, Innereien oder Flossen enthalten. \u00dcbrigens ist meinem Mann auf den Andamanen etwas \u00e4hnliches passiert: Er bestellte einen Krebs, der offenbar \u00fcberfahren und hinterher mit einer Axt zerhackt worden war. Um das Fleisch aus den Bruchst\u00fccken der porzellanharten Schale zu l\u00f6sen, gab es einen Nussknacker von Ikea \u2026 sowohl mein Mann als auch Tanja gingen hungrig nach Hause.<br \/>\nAm Tag darauf hatte ich einen Traum: Ich gab Tanja einen Pappteller mit etwas Kartoffelsauce und drehte mich kurz um, um die zugeh\u00f6rigen Chapatis zu holen. Als ich mich wieder Tanja zuwandte, hatte sie den Pappteller brav um die Kartoffeln gefaltet und war eben dabei, ihn aufzuessen.<br \/>\nBer\u00fchmt ist Kerala auch f\u00fcr das Kerala-Curry. Das m\u00fcssen Sie unbedingt probieren. Wir haben es auch getan, und inzwischen (das liegt jetzt einen Monat zur\u00fcck) ist mir beinahe nicht mehr schlecht.<br \/>\nEs gibt in Indien ein Gew\u00fcrz \u2013 ich wei\u00df nicht, wie es hei\u00dft \u2013 das schmeckt wie destillierter Kellergeruch mit Gr\u00fcnschimmel. In Keralacurry ist stark vertreten. In einem Gew\u00fcrzladen jubelte Tanja,: \u201eHier! Ich habe es gefunden!\u201c Und gleich mussten wir einen ganzen Sack voll kaufen, um die Verk\u00e4uferin gl\u00fccklich zu machen.<br \/>\nDemn\u00e4chst bekomme ich Verlagsbesuch. Es gibt dann indisches Essen. Ich koche ja gern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die indische K\u00fcche ist etwas f\u00fcr Experten. 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