{"id":702,"date":"2011-12-26T07:26:45","date_gmt":"2011-12-26T07:26:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=702"},"modified":"2011-12-26T07:26:45","modified_gmt":"2011-12-26T07:26:45","slug":"alle-jahre-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/alle-jahre-wieder\/","title":{"rendered":"Alle Jahre wieder"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Jahr, wenn Weihnachten drohend am Horizont auftaucht, begeben sich deutsche Hausfrauen in ihre K\u00fcche, tauschen Ehering gegen Sch\u00fcrze und st\u00fcrzen sich todesmutig in den Kampf mit Mehl, Zucker und so abstrusen Dingen wie Hirschhornsalz, Natron oder Pottasche (bei Lebkuchen handelt es sich \u00fcbrigens weniger um Geb\u00e4ck als um ein physikalisches Gro\u00dfexperiment \u2026 erhitzen \u2026 r\u00fchren \u2026 mit Treibmittel versehen, dass beim Backen zu Gas und Wasser zerf\u00e4llt \u2026 Vorsicht! Manchmal explodiert der Teig).<br \/>\nAuch ich bin im Grunde meines Herzens eine deutsche Hausfrau. Und so streife ich den Ehering ab, r\u00fchre und knete und stelle fest, dass ich jetzt den Ring in den Teig eingeknetet habe.<br \/>\nW\u00e4hrend ich ihn suche, denke ich \u00fcber das Ph\u00e4nomen nach, dass wir im Advent Kekse backen und dann versuchen, sie irgendwie wieder loszuwerden. Wir verschenken sie an Schwiegereltern oder Enkelkinder, verkaufen sie auf Wohlt\u00e4tigkeitsbasaren, stecken sie in Nikolaussocken und h\u00e4ngen sie an Nachbars T\u00fcr (welcher sich aber meist r\u00e4cht und uns die eigenen Kekse an die T\u00fcr h\u00e4ngt). Jemand hat jetzt etwas erfunden, was \u201eWeihnachten im Schuhkarton\u201c hei\u00dft; bei diesem Projekt verschickt man die Kekse an wehrlose Kinder in Drittweltl\u00e4ndern.<br \/>\nIch befreie mich aus einem St\u00fcck Teig, das sich um mich geschlungen hat, und schwelge wie alle deutschen Hausfrauen in Nostalgie: Als ich klein war, begann der Advent stets mit dem Mandeln-Pulen. Dazu weicht man die Mandeln ein, dr\u00fcckt auf ein Ende und l\u00e4sst den Kern aus der Haut flutschen. Mit etwas \u00dcbung kann man Flutschweiten von bis zu vier Metern erzielen, und wir fanden die Mandeln oft noch Jahre sp\u00e4ter unter den Schr\u00e4nken. Zum Trocknen werden die Mandeln auf Handt\u00fccher gelegt, welche man gleichm\u00e4\u00dfig im ganzen Haus auf dem Fu\u00dfboden verteilt, und zwar m\u00f6glichst dort, wo des \u00d6fteren Leute durchgehen. Zur Abwechslung flutschen dann die Leute, zum Beispiel die Treppe hinunter. Die vier Meter werden hier bisweilen \u00fcbertroffen. Man k\u00f6nnte die Mandeln auch ohne Haut kaufen, aber das ist zu einfach. Schlie\u00dflich mahlt man sie in einer laut r\u00f6hrenden K\u00fcchenmaschine und verknetet sie mit Puderzucker, was so klebt, dass man die Masse nicht wieder von den Fingern bekommt und diese notfalls mitbacken muss.<br \/>\nDie Tradition der Marzipanherstellung stammt aus K\u00f6nigsberg; meine Familie floh damals von dort, angeblich vor den Russen, mir dr\u00e4ngt sich jedoch der Verdacht auf, dass sie vor dem Marzipan geflohen ist (erfolglos, wie sich zeigt).<br \/>\nZu Studentenzeiten mahlte ich die Mandeln mit einem Fleischwolf, den ich aus unerfindlichen Gr\u00fcnden in meiner veganen WG gefunden hatte. Das dauert pro Mandel 17 Minuten.<br \/>\nIch erinnere mich auch, wie meine Freundin und ich beim ersten Keksebacken ohne Eltern feststellten, dass man Zucker und Eier h\u00e4tte schaumig r\u00fchren m\u00fcssen. Wir hatten den Zucker aber schon mit dem Mehl verr\u00fchrt und verbrachten die n\u00e4chsten Stunden damit, beides wieder zu trennen.<br \/>\nAm leckersten waren die Kekse meiner Gro\u00dfmutter. Oder sie w\u00e4ren es gewesen, wenn man sie h\u00e4tte essen k\u00f6nnen. Leider war das auf Grund ihrer sehr \u2026 standhaften Konsistenz unm\u00f6glich.Wir besch\u00e4ftigten uns an den Weihnachtsabenden immer damit, auf steinharten B\u00e4rentatzen herumzulutschen. Nach dem Tod meiner Gro\u00dfmutter buk meine Mutter ganz normale, weiche B\u00e4rentatzen, aber keiner wollte sie essen; das Keks-Erleben war einfach nicht das gleiche. Soviel zur Nostalgie.<br \/>\nInzwischen backe ich mit vier F\u00f6rder- und zwei Kleinkindern und sauge statt zwei mal die Woche zwei mal am Tag. Alva \u00fcberzieht flei\u00dfig Nougath\u00f6rnchen mit Schokolade, in dem sie sie hineintaucht, ableckt, wieder hineintaucht, wieder ableckt und nach dem vierten Mal Ablecken aufs Blech legt. Den Rest der Verzierung isst sie direkt auf, was viel praktischer ist, als sie hinterher vom Keks zu nagen. Da sie sich sonst eher bodennah mit dem Teig besch\u00e4ftigt, sauge ich jetzt zwei mal die Stunde.<br \/>\nMein Mann bei\u00dft in einen Keks und verzieht das Gesicht. \u201eDa if waf hartef brin\u201c, erkl\u00e4rt er &#8211; und spuckt meinen Ehering aus. W\u00e4hrend Lintje beschlie\u00dft, auch verzieren zu helfen. Sie verziert den Boden \u2013 mit Fontainen von ausgespuckten Kekskr\u00fcmeln. Ich sauge nun zwei mal die Minute.<br \/>\n\u201eWas war denn das?\u201c, fragt mein Mann. \u201eIrgendwas hast du eingesaugt.\u201c<br \/>\n\u201eAch\u201c, sage ich, \u201edas war der Ehering.\u201c<br \/>\nMorgen, wenn keiner guckt, werde ich heimlich alle Kekse wegsaugen. Hah! Und wenn es mich packt, sauge ich vielleicht den Adventskranz, die Strohengelchen und den ganzen Weihnachtsfrieden mit weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcssen Weihnachtskekse sein? Brach Jesus in Wahrheit nicht das Brot, sondern den gro\u00dfen Zimtstern? Und verteilte gut gemeinte Vollkornpl\u00e4tzchen unter den Armen? De Armen! <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,18],"tags":[],"class_list":["post-702","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gemeinheiten-des-alltags","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=702"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/702\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}