{"id":704,"date":"2012-01-02T20:01:32","date_gmt":"2012-01-02T20:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=704"},"modified":"2012-01-02T20:01:32","modified_gmt":"2012-01-02T20:01:32","slug":"der-nasenbar-brennt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/der-nasenbar-brennt\/","title":{"rendered":"Der Nasenb\u00e4r brennt!"},"content":{"rendered":"<p>Letztes Jahr war es Schnee, der zu viel war. Dieses Jahr sind es Pakete.<br \/>\nSie stapeln sich in unserem Flur, besetzen die Regale, t\u00fcrmen sich vor dem Kamin \u2026 alle Leute, bei denen ich gelesen habe oder die etwas von mir gelesen haben, f\u00fchlen dieses Jahr den Drang, uns ein Paket zu schicken. Das ist nett, aber es wird zunehmend schwieriger, die Haust\u00fcr zu finden.<br \/>\n\u201eUnd was w\u00fcnschst du dir zu Weihnachten, Murmel?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin Alva!\u201c, sagt die Murmel. \u201eEinen Engel. Aber einen echten. Einer, der sich bewegen kann.\u201c Sie malt den Engel also auf ihren Wunschzettel, wobei Malen bei der Murmel eher darin besteht, mir zu erkl\u00e4ren, warum sie bestimmte Dinge nicht malt. Der Engel zum Beispiel braucht keine Beine, die sieht man ja nicht unterm Kleid, Finger braucht er ebensowenig, weil er Handschuhe tr\u00e4gt, und eigentlich braucht er auch keine Augen, aber ich \u00fcberzeuge sie, dass blinde Engel wom\u00f6glich im Kamin landen. Man stelle sich die Schweinerei vor, \u00fcberall die versengten Federn! Was der Engel hat, sind Haare. Lang und rosa; logisch.<br \/>\nDer erste Dezember kommt (die Postbotin bringt ein Paket von Oetinger), und die Murmel darf ihren Adventskalender \u00f6ffnen. Von da an erkl\u00e4rt sie jeden Tag: \u201eHeute ist der erste Dezember\u201c, ehe sie den Kalender aufmacht. Bis Weihnachten gibt es 24 erste Dezembers.<br \/>\nDann ist Nikolaus (die Postbotin bringt ein Paket von Herder), und ich sage: \u201eMurmel, du musst einen Stiefel rausstellen.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin Alva\u201c, sagt die Murmel. Am n\u00e4chsten Morgen erkl\u00e4re ich ihr, dass in ihrem Gummistiefel jetzt etwas drin ist und sie sieht mich an, als ob ich spinne. Klar ist was drin: Regenwasser, das Ding hat ja 12 Stunden lang im knietiefen Morast vor unserer T\u00fcr gestanden. Aber schlie\u00dflich holt sie den Stiefel doch herein. Oh! So viele Nikolaus-S\u00fc\u00dfigkeiten! Der Stiefel darf nicht ausgepackt werden, findet sie. Er muss aber von nun an \u00fcberallhin mitgenommen werden, auch aufs Klo und ins Bett.<br \/>\nDer Nikolaus im Kindergarten bringt eine kleine Plastikt\u00fcte voller Schokola von der Volkssolidarit\u00e4t und die Postbotin vier riesige Pakete von Alvas Gro\u00dfeltern. Am f\u00fcnfzehnten Dezember hat der Kindergarten Weihnachtsfeier, und der Weihnachtsmann bringt \u2013 \u00dcberraschung! &#8211; eine Plastikt\u00fcte voller Schokolade.<br \/>\n\u201eMurmel\u201c, sage ich, \u201ewas ist denn der Unterschied zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin Alva\u201c, sagt die Murmel. \u201eDer Weihnachtsmann hat h\u00f6here Stiefel.\u201c<br \/>\n\u201eKommt der jetzt am 24. nochmal?\u201c, frage ich verunsichert.<br \/>\n\u201eNee\u201c, sagt die Murmel. \u201eDa kommt doch der Engel.\u201c<br \/>\nIch bestelle also Fl\u00fcgel. Sind die Federn von echten Engeln? Ich habe nicht auf das \u00d6kozertifikat geachtet &#8211; gibt es Engel in Massentierhaltung? Und sind Engel aus Bodenhaltung gl\u00fccklicher oder eher nicht? Auf dem Bild im Internet tr\u00e4gt ein dicker Mann in r\u00f6mischer Tunika und Wadelstr\u00fcmpfen die Fl\u00fcgel. Das verstehe ich erst, als die Fl\u00fcgel (in einem riesigen Pappkarton) kommen und Fine, eine befreundete 14j\u00e4hrige Engelin, sie anprobiert: Sie wiegen eine Tonne; die Befestigungsb\u00e4nder sind f\u00fcr adip\u00f6se Riesen gemacht. Die Goldl\u00f6ckchen der Per\u00fccke (rosa war ausverkauft) h\u00e4ngen ihr vor die Augen, und auf das Kleid tritt sie unten drauf.<br \/>\nLintje \u00fcbrigens w\u00fcnscht sich eine T\u00fctensuppe, eine Zahnb\u00fcrste und einen Autoschl\u00fcssel \u2013 zum Rasseln und Benagen. Die Postbotin bringt einen Umschlag vom Fischerverlag, einen Umschlag vom Bojeverlag, einen von Loewe und einen von Carlsen, und weil ich au\u00dfer dem Engel noch etwas richtiges verschenken will, besorge ich zwei Tobe-Sitzs\u00e4cke. Kann ich ahnen, dass sie in drei-mal-zwei-Meter-Kartons geliefert werden? Die Haust\u00fcr ist endg\u00fcltig hinter Paketen verschwunden. Wir gehen jetzt durchs K\u00fcchenfenster.<br \/>\nIch erw\u00e4ge, die Adressen der Pakete paarweise auszutauschen und sie alle wieder abzuschicken, so dass dann Oetinger das Geschenk von Herder zu Weihnachten bek\u00e4me, Boje das von Carlsen, meine Eltern das von Philipps Eltern \u2026<br \/>\nDann ist der gro\u00dfe Tag da. In der Kirche predigt ein erf\u00fcllter Jungpfarrer, der im Studium offenbar eingebl\u00e4ut bekam, dass er langsam und deutlich sprechen muss. Er spricht so langsam, dass die Predigt zwei Stunden dauert. Was er allerdings spricht, ist nicht herauszufinden, da er das Mikro falsch herum h\u00e4lt. Schnell nach Hause jetzt! Der himmlische Bote darf nicht verpasst werden!<br \/>\nUnser alter Stoffnasenb\u00e4r sieht Philipp dabei zu, wie er die Sicherheitskerzen am Baum anz\u00fcndet.<br \/>\nUnd dann kommt der Engel, oh! Er schwebt durch den Garten, er ist wundersch\u00f6n, er ist wei\u00df, er ist perfekt, er ist einmalig \u2026 \u201eHallo, Fine\u201c, sagt Alva.<br \/>\n\u201eEs riecht so komisch\u201c, sage ich. \u201eIrgendwie angebrannt.\u201c<br \/>\nPhilipp st\u00fcrzt ins Wohnzimmer. Gleich darauf ert\u00f6nt von dort ein Schrei. \u201eDer Nasenb\u00e4r brennt!\u201c Ru\u00dfwolken breiten sich im Haus aus. Der Engel flieht und stolpert \u00fcber sein Kost\u00fcm, verheddert sich in seinen Fl\u00fcgeln, verliert die Per\u00fccke \u2026 Philipp wedelt mit dem am Schwanz gl\u00fchenden Nasenb\u00e4ren  \u2026 Lintje wirft juchzend mit Brei, die Sicherheitskerzen am Baum gehen, zur Sicherheit, aus. Wir stehen ihm Dunkeln, hustend und fluchend. Als wir den Lichtschalter finden, entdeckt Alva den Sitzsack.<br \/>\n\u201eUnd was ist das?\u201c, fragt sie.<br \/>\n\u201eNa ja\u201c, sage ich, \u201edraufstehen tut FATBOY, aber das ist die Firma &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eOh!\u201c, ruft Alva begeistert. \u201eEin Fettbeutel!\u201c<br \/>\nSo sitze ich schlie\u00dflich ersch\u00f6pft in einem Fettbeutel vor dem unbeleuchteten Baum, im Arm einen angekohlten Nasenb\u00e4ren, von Alva mit bunten Pflastern verarztet. Lintje hat ihren dritten Zahn zu Weihnachten bekommen und nagt sich gerade durch die Krippe, Alva verziert die Bodendielen mit neuen Stempeln und der Plattenspieler singt Oh Tannenbaum auf kubanisch. Wir w\u00fcnschen, schreiben Oetinger, Herder, Boje, Fischer, Carlsen und Loewe, meine Agentin, 17 Leser, 5 Buchh\u00e4ndler und 2 Bibliothekare \u2013 wir w\u00fcnschen ein ruhiges und besinnliches Fest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist nicht nur gef\u00e4hrlich f\u00fcr Engel und Eltern, nein, auch exotischen Zeitgenossen geht es bei zu gro\u00dfer N\u00e4he zum Lichterglanz an den Kragen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frohliche-feste-fern-der-zivilisation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=704"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/704\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}