{"id":708,"date":"2012-02-08T20:49:00","date_gmt":"2012-02-08T20:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=708"},"modified":"2012-02-08T20:49:00","modified_gmt":"2012-02-08T20:49:00","slug":"winter-in-zurich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/winter-in-zurich\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6n frisch"},"content":{"rendered":"<p>Wor\u00fcber schreibt man, wenn man \u00fcber nichts schreibt? Richtig, \u00fcber das Wetter.<br \/>\nIch habe mal einen ganzen 600seitigen Roman \u00fcber das Wetter geschrieben, vermutlich, weil mir nichts einfiel. Aber zur Zeit gibt es ausgesprochen viel Wetter, es kommt sogar in den Nachrichten. Wulf ist out, Wetter ist in. Ich warte auf die Ver\u00f6ffentlichung von Telefonaten zwischen Petrus und der Bildzeitung &#8230;<br \/>\nAnfang Januar sagten wir noch zueinander, dass man den letzten Sommer und den letzten Winter schlecht voneinander unterscheiden konnte, im Sommer war es mittelwarm und regnerisch, und im Winter war es mittelregnerisch und warm.<br \/>\nAber dann fahre ich in die Schweiz, und dort packt mich meine lyrische Ader. Denn<br \/>\nIn der Schweiz schneit\u00b4s.<br \/>\nLeider ist sie unbeheiz.<br \/>\nEs geht auch noch k\u00fcrzer: In Z\u00fcrich, da fr\u00fcr\u00b4ich \u2026<br \/>\nEntschuldigen Sie, ab minus zwanzig Grad wird das Schriftstellergehirn etwas albern.<br \/>\nIn Z\u00fcrich, muss man wissen, wird man nicht f\u00fcr das Lesen bezahlt sondern f\u00fcr das Benutzen \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel. Jeder Schriftsteller erh\u00e4lt einen hundertseitigen Plan mit Verbindungen von S-Bahn, Z\u00fcgen, Bussen, Schiffen, Flugzeugen und Pferdekutschen, durchsetzt von gelben Hinweiszetteln der \u201eLehrpersonen\u201c.<br \/>\nBei Ankunft im Hotel erwartet einen die Organisatorin, die einem die Pl\u00e4ne pers\u00f6nlich vorliest \u2013 Deutsche sind bekanntlich nicht so helle. \u201eDie S-Bahn bedeutet S-Bahn\u201c, erkl\u00e4rt sie. \u201eUnd die gelben Zettel hier \u2026 die sind gelb.\u201c<br \/>\nAuf den Zetteln stehen Dinge wie: Schulhaus ist alt und orange. Bitte an Volksk\u00fcche vorbei bis unter Dachboden gehen und laut rufen.<br \/>\nOder: Anschluss ist knapp. Steigen Sie ganz hinten in die Bahn. Wenn S-Bahn am Bahnhof h\u00e4lt, rennen Sie zur\u00fcck Richtung Z\u00fcrich. Nehmen Sie die Rampe unter die Erde und wenden Sie sich nach rechts. Wenn Bus schon am Abfahren, winken Sie dem Fahrer auff\u00e4llig.<br \/>\nDieser Dreikampf Rennen-Umsteigen-Lesen macht nat\u00fcrlich erst bei dichtem Schneetreiben und vereisten Bahnsteigen so richtig Spa\u00df. Ich stelle fest, dass man, wenn man mit gen\u00fcgend Anlauf aufspringt, auf einem Herder-Roman bis zu sieben Meter schlittern kann. Oetingerausgaben halten die Richtung besser, fallen aber leider nach drei Metern auseinander.<br \/>\nDie Hektik zwischen den Lesungen wird dadurch abgemildert, dass man jeden zweiten Anschluss verpasst und dann ganz behaglich ein oder zwei Stunden wartet. Busse in der Schweiz fahren zwar selten, daf\u00fcr aber nicht so oft. Einmal bin ich an einer Haltestelle festgefroren und konnte deshalb auch den ankommenden n\u00e4chsten Bus nicht benutzen. Ein vorbeikommender Schweizer goss schlie\u00dflich hei\u00dfe Schokolade \u00fcber meine Schuhe, so ging es dann.<br \/>\nTja: Nur die Harten komm\u00b4in Garten. Stimmt. Die Weichen frieren bei diesen Temperaturen ein. Deshalb haben die Z\u00fcge alle Versp\u00e4tung.<br \/>\nNachmittags setzt man sich in ein gem\u00fctliches Caf\u00e9, um zu arbeiten. Z\u00fcrcher Caf\u00e9s sind grunds\u00e4tzlich \u00fcberf\u00fcllt, aber keine Angst, es wird nicht zu stickig, denn die st\u00e4ndig wechselnde Kundschaft sorgt daf\u00fcr, dass die T\u00fcr nach drau\u00dfen alle zwei Minuten weit offen steht. Ich sitze in drei Pullovern, Daunenmantel, Schal und M\u00fctze vor dem Computer und beobachte die Leute an den anderen Tischen, die auch in Daunenm\u00e4nteln und mit Schals vor ihren Computern sitzen. Im Hotel stelle ich fest, dass das alles deutsche Autoren sind.<br \/>\nZwei der Kollegen haben eine Badewanne im Hotelzimmer, und ich erw\u00e4ge kurz, mit beiden eine Aff\u00e4re zu beginnen, um in den Genuss warmen Wassers in gr\u00f6\u00dferen Mengen zu kommen.<br \/>\nIn den Kneipen sind Getr\u00e4nke wie Grog oder Gl\u00fchwein leider unbekannt. Vielleicht einen spritzigen Wei\u00dfwein, die Dame? Das W\u00e4rmste, was ich einmal serviert bekomme, ist ein winziges Schnapsglas voller schleimiger hellbrauner Fl\u00fcssigkeit &#8211; \u201eein Gru\u00df aus der K\u00fcche\u201c. Schmeckt nach Pilzen.<br \/>\nNachts friere ich so sehr, dass ich schlie\u00dflich einen lebensgro\u00dfen Stoffbraunb\u00e4ren kaufe, den ich mit ins Bett nehme. Ich nehme ihn auch mit in die Kneipen, um seine Pfoten um mich zu wickeln. Wenn man Kinder hat, kann man ja sagen, der B\u00e4r w\u00e4re ein Mitbringsel.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich fahre ich, samt B\u00e4r, nach Hause. \u201eIn Deutschland ist es \u00fcbrigens noch k\u00e4lter als in der Schweiz\u201c, sagt mein Mann am Telefon. Na, ich werde zuerst eine Woche bei meinen Eltern verbringen, die haben \u00fcberall Fu\u00dfbodenheizung.<br \/>\n\u201eHatten\u201c, sagt mein Vater, als er mich vom Bahnhof abholt. \u201eIn dem Zimmer, in dem Du schl\u00e4fst, ist sie leider ausgefallen \u2026 da sind es jetzt nur noch 15 Grad \u2026 minus &#8230;\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie wollten demn\u00e4chst nach Z\u00fcrich reisen? Tut mir leid. Z\u00fcrich ist zugefroren.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-708","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=708"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/708\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}