{"id":711,"date":"2012-03-25T18:49:32","date_gmt":"2012-03-25T18:49:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=711"},"modified":"2012-03-25T18:49:32","modified_gmt":"2012-03-25T18:49:32","slug":"letzter-auftritt-mitternacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/letzter-auftritt-mitternacht\/","title":{"rendered":"Letzter Auftritt Mitternacht"},"content":{"rendered":"<p>Wir gehen spazieren, und der Halbmond steht am blauen Himmel.<br \/>\nAlvas sagt: \u201eDen hat die Sonne aufgeschl\u00fcsselt und hat sich GANZ leise durch geschlichen und eine H\u00e4lfte GEKLAUT\u201c.<br \/>\nIch sage: \u201eNein, mein Kind. Das ist die H\u00f6rbuchfassung des Mondes.\u201c<br \/>\nEs gibt aber noch einen dritten Grund, n\u00e4mlich spielt die zweite Mondh\u00e4lfte in meinem n\u00e4chsten Kinderbuch mit. Da geht es um den Mondscheinzirkus, einen Zirkus voller Kinder, die von zu Hause abhauen, um auf h\u00f6chst abenteuerliche Weise Geld zu verdienen. Dabei geht alles schief.<br \/>\nUnd weil ich das prima finde, wenn alles schief geht, habe ich aus dem Buch gleich noch ein Theaterst\u00fcck gemacht; bei dessen Proben auch alles schief geht.<br \/>\nVier Wochen Theater statt Schule, jeden Vormittag.<br \/>\nWas wir alles tun, damit der Verlag das Buch nicht lesen muss, sondern es sich im Theater Greifswald ansehen kann!<br \/>\nLETZTER AUFTRITT: MITTERNACHT hei\u00dft das St\u00fcck. Ich f\u00fcrchte, daraus wird LETZTE PROBE: MITTERNACHT, denn wenn das so weiter geht, m\u00fcssen wir bis genau dann \u00fcben.<br \/>\nEs begann damit, dass die Lehrer und ich uns im Vorfeld \u00fcber den Meterpreis von Spanplatten zerstritten \u2013 das Wort ist jetzt an der Schule tabu. Schei\u00dfe darf man sagen, Spanplatte nicht. Die S \u2026 gibt es trotzdem. Daraus basteln D\u00f6rte und Susi momentan einen Wald. Dorfh\u00e4user und Segelschiff hingegen sind aus Gardinenstoff. All diese Kulissen verteilen sich auf drei B\u00fchnen, hinten, seitlich und vorne \u2013 EINE B\u00fchne kann ja jeder.<br \/>\nUm den Wagen auf die B\u00fchne zu schieben, wollen wir zwei handliche f\u00fcnf Meter lange Holzplanken benutzen. Die muss ich heute aus dem Schuppen holen und ins Auto laden.<br \/>\n&#8211; Davon haben wir \u00fcbrigens nur noch eines. Um das andere Auto hat sich p\u00fcnktlich zum Probenbeginn ein suiziadales Reh gewickelt. Das ist eigentlich nett von dem Reh, denn das v\u00f6llig verknotete Nummernschild k\u00f6nnen wir prima im St\u00fcck benutzen, wo es um Autodiebe geht, die den Mondscheinzirkus verfolgen<br \/>\nDas Reh selbst kann man nicht mehr so gut verwenden, es ist doch etwas \u2026 verformt.<br \/>\nUnf\u00e4lle gibt es auch sonst gen\u00fcgend: bei der zers\u00e4gten Jungfrau spritzt das Blut \u2013 meines, als ich ein Loch in einen Karton und auch eines in meinen Finger schneide. Heute hat der R\u00e4uberhauptmann eine Bierflasche (obwohl aus Plastik) auf die Nase bekommen, R\u00e4uberin Nummer 6 hat sich fast mehrere Zehen gebrochen und Nummer 7, der beim K\u00e4mpfen gegen den R\u00e4uberhauptmann verlieren muss, verliert auch: er landet mit dem Kopf etwas vehement auf dem B\u00fchnenboden. Ganz so schlimm wie bei dem Reh ist es nicht, ich hoffe zumindest, wir m\u00fcssen Nummer 7 nicht gleich ganz wegschmei\u00dfen.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen entbrennt auf der B\u00fchne \u2013 au\u00dferhalb des Textbuches \u2013 ein ernsthafter Streit um unsichtbare Schokolade. Die Freundin des R\u00e4uberhauptmannes geht auf die Barrikaden, weil sie f\u00fcr ihre drei einhalb Auftritte MINDESTENS vier Kost\u00fcme braucht, und den Zirkuswagen haben wir jetzt leider falsch rum zusammengebaut. Die R\u00e4der sollten doch unten hin \u2026<br \/>\nT\u00e4glich transportiere ich Tonnen von Kleidern, Jonglierb\u00e4llen, -Ringen, -T\u00fcchern, -Tellern, H\u00fcten, Sonnenbrillen und \u00c4sten zwischen der Schule und zu Hause hin und her; einmal habe ich vergessen, mich selbst einzupacken, das ist aber keinem aufgefallen.<br \/>\nBeim Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck zwischen Kisten voller Zirkusutensilien zeigt die Murmel angeekelt auf das Ei mit Schnittlauch: \u201eNein!\u201c, sagt sie, \u201eich will kein Eierr\u00fchr mit Gr\u00fcnz!\u201c<br \/>\nLintje isst sowieso lieber die Jonglierb\u00e4lle auf.<br \/>\nIn der ganzen Hektik schlage ich mich schlie\u00dflich selbst mit der der Ecke der Autot\u00fcr KO, und auf meiner Stirn prangt jetzt eine wundersch\u00f6ne lila Beule. An diesem Tag erhalte ich per Post eine selbstgebastelte Urkunde: Ich erhalte hiermit den Fantasypreis (oder so) des ersten deutschen Fantasy Clubs. N\u00e4mlich f\u00fcr meine B\u00fccher, die ich im Rahmen meines \u201eManifest des Sousrealismus\u201c geschrieben habe. Das Manifest beginnt mit dem Satz: Nein, ich schreibe keine Fantasy.<br \/>\nAuf dem Kopf der Urkunde ist ein Einhorn abgebildet, und obwohl ich wirklich ger\u00fchrt bin, glaube ich doch, dass der erste deutsche Fantasyclub einen sehr subtilen Humor hat. In Wirklichkeit habe ich den Preis f\u00fcr meine lila Beule bekommen, denn ich bin das erste deutsche Einhorn. Vielleicht kann ich mich noch in das Theaterst\u00fcck einbauen?<br \/>\nLiebes Publikum! Ich meine, liebe Leser. Kommen Sie doch zu einer der Auff\u00fchrungen, die Termine stehen auf meiner Webseite beim t\u00e4glichen Zirkus-Blog. Und falls es Ihnen nicht gef\u00e4llt (wehe), bringen Sie statt faulen Tomaten etwas Eierr\u00fchr mit Gr\u00fcnz mit, das sie auf uns werfen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir gehen spazieren, und der Halbmond steht am blauen Himmel. 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