{"id":713,"date":"2012-04-10T08:27:48","date_gmt":"2012-04-10T08:27:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=713"},"modified":"2012-04-10T08:27:48","modified_gmt":"2012-04-10T08:27:48","slug":"osterfreuden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/osterfreuden\/","title":{"rendered":"Osterfreuden"},"content":{"rendered":"<p>Ostern, sage ich mir, wird entspannt. Ich werde ein bisschen den neuen Jugendroman lektorieren, und zwar diesmal nicht auf Papier, sondern ganz modern im Computer. W\u00e4hrend mein Mann  mit den Kindern in der Sonne herumtobt, werde ich am PC ein paar bunte Kringel und Haken machen \u2026 Fr\u00f6hlich \u00f6ffne ich das Dokument. Es ist h\u00fcbsch \u00f6sterlich bunt.<br \/>\n\u201eKlick dann einfach immer auf \u00c4nderungen akzeptieren oder ablehnen\u201c, hat Carina gesagt.<br \/>\nIch klicke \u2013 und der Computer akzeptiert die \u00c4nderung EINES Buchstabens. Pro Wort klicke ich also jetzt 7 bis zwanzig Mal. Bei ge\u00e4nderten Kommas m\u00f6chte der Computer, dass ich gleich dreimal klicke.<br \/>\n\u201eNimm doch einfach das Wort in den Block\u201c, sagt Carina am Telefon. Das tue ich, klicke auf den \u00c4nderungs-Button \u2013 und schwupps, weg ist das Wort. Der Absatz, in dem es stand, \u00fcbrigens auch.<br \/>\n\u201eEs gibt auch einen Knopf\u201c, sagt Carina hoffnungsfroh \u201eder hei\u00dft Alle \u00c4nderungen akzeptieren.\u201c Ich will aber nicht alle \u00c4nderungen akzeptieren! Ich kannte mal einen, der hat zu seinem Lektor gesagt: Ihre \u00c4nderungen sind sehr sch\u00f6n, ich kann sie gut nachvollziehen. Und jetzt l\u00f6schen wir sie alle und lassen den Text, wie er war.<br \/>\n\u201eVerzeihung, wenn ich Dich st\u00f6re\u201c, sagt mein Mann. \u201eIch gehe dann mal zum Dienst. Du passt auf die Kinder auf \u2026? Drau\u00dfen regnet es, du musst sie drinnen besch\u00e4ftigen.\u201c<br \/>\n\u201eDienst?\u201c, frage ich und \u00e4ndere m\u00fchevoll einen Strichpunkt.<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagt er, \u201ehatte ich nicht erw\u00e4hnt, dass ich die Feiertage \u00fcber Dienst habe? An Ostern selbst habe ich kurz frei \u2026 bis dahin ist sicher wieder sch\u00f6nes Wetter.\u201c<br \/>\nDie Kleinen quengeln. Es regnet st\u00e4rker. Ich bin schon auf Seite drei. Das Dokument hat sich leider aufgeh\u00e4ngt, der Computer kaut und kaut auf der Datei herum und versucht, sie zu speichern.<br \/>\n\u201eMama, kann ich einen Film gucken?\u201c<br \/>\n\u201eFilme gucken ist unp\u00e4dagogisch\u201c, sage ich. \u201eWir backen jetzt Osterkekse.\u201c<br \/>\nIch knete also Teig, r\u00fchre bunten Zuckerguss an und versuche, zwischendurch heimlich in meinem Dokument herumzuklicken. \u201eyou\u00b4ve got mehl!\u201c, sagt der Computer. Mist, es muss etwas durch die Tastatur gerieselt sein \u2026<br \/>\n\u201eMama, krieg ich neuen Zuckerguss?\u201c<br \/>\n\u201eHast du schon so viele Eierkekse verziert?\u201c, fragte ich.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagt Alva erstaunt. \u201eIch hab den Zuckerguss aufgegessen \u2026 Lintje aber auch!\u201c<br \/>\nAch, tats\u00e4chlich. Die Kleine kriecht gl\u00fccklich kreischend quer durch die K\u00fcche und hinterl\u00e4sst eine vierfarbige Zuckergussspur auf dem Boden. Dann zieht sie das Kabel aus der Wand. Der Computer st\u00fcrzt ab \u2013 von der Anrichte auf den Fu\u00dfboden. Zum Gl\u00fcck federn ihn die vielen Schichten aus Kekskr\u00fcmeln und Zuckerguss dort ab. Das Dokument verf\u00e4rbt sich von blau-gold auf gr\u00fcn-rot und f\u00e4ngt an, zu blinken. Na, ich bin ja schon auf Seite sieben. Von 400.<br \/>\n\u201eMama, kann ich einen Film gucken?\u201c<br \/>\n\u201eFilme gucken ist unp\u00e4dagogisch\u201c, sage ich. \u201eWir fahre jetzt in die Stadt und machen einen Osterbummel. Und wir drucken dieses Ding hier aus, dann kann ich es per Hand bearbeiten. Zum Henker mit der modernen Technik. In der Stadt gibt auch einen Ostermarkt. Ganz romantisch, mit bl\u00fchenden Blumen und Keramik und Hasen &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eAu ja\u201c, sagt Alva, \u201efahren wird dann wieder Autoscooter?\u201c<br \/>\n\u201eNein, mein Kind\u201c, sage ich. \u201eDen Autoscooter gibt es nur auf dem Weihnachtsmarkt. Daran unterscheidet man hier bei uns im Osten Weihnachten und Ostern.\u201c<br \/>\nDurch Greifswald pfeift ein eisiger Wind. Die Blumen sind eingeschneit, die Hasen nach Hause gegangen. Den Text mit farbigen \u00c4nderungen auszudrucken, kostet beim Copy Shop 200 Euro. Schwarzwei\u00df reicht auch, sage ich, die \u00c4nderungen sind ja unterstrichen \u2026 zum Trost f\u00fcr die K\u00e4lte essen wir nachts den restlichen Zuckerguss auf. Sp\u00e4t Nachts, nachdem ich die Kinder ins Bett geklebt habe, setze ich mich mit dem Papierstapel hin. Tja, die \u00c4nderungen sind jetzt leider nicht mehr unterstrichen. Man sieht sie \u00fcberhaupt nicht mehr. Mit einem Wutschrei werfe ich 400 Seiten Papier in den Kamin.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag hat sich das Wetter ge\u00e4ndert, es schneit jetzt nicht mehr von links, sondern von rechts. \u201eKann ich einen Film \u2026?\u201c<br \/>\n\u201eFilme gucken ist unp\u00e4dagogisch\u201c, sage ich, \u201ewir bemalen jetzt diese p\u00e4dagogische Holzhasen.\u201c<br \/>\n\u201eAu ja\u201c, sagt Alva, \u201ekann ich die Plastik-Edelsteine mit dem Glitzergold draufkleben?\u201c<br \/>\nIch nicke resigniert und stelle fest, dass der Computer mein Dokument versehentlich gerade zerst\u00f6rt hat. Es tut ihm aufrichtig leid, und er wird es wiederherstellen \u2026 das macht er. Allerdings ist es jetzt schreibgesch\u00fctzt. Ich kopiere die ganze Sache in ein anderes Dokument \u2013 jetzt ist es nicht mehr schreibgesch\u00fctzt, aber die \u00c4nderungen sind wieder weg. Ich schlie\u00dfe alle Dateien, um nachzudenken. Leider verliert der Computer sie dabei. Wo hab ich denn nur \u2026?, murmelt er, kann aber nichts wiederfinden, was ich in den letzten Tagen getan habe.<br \/>\n\u201eMama!\u201c, ruft Alva emp\u00f6rt. \u201eLintje hat meinen Holzhasen aufgegessen!\u201c<br \/>\n\u201eMir egal!\u201c, rufe ich verzweifelt. \u201eIch esse gleich den Computer auf!\u201c<br \/>\nZum Gl\u00fcck kenne ich ein in Berlin ans\u00e4ssiges Nilpferd, das sich da auskennt. Und in stundenlanger Nachtarbeit, als die Kinder schlafen, findet es per Ferndiagnose eine der Dateien wieder,die zumindest halb bearbeitet war. Carina wird sich wundern, weshalb ich ihr etwas schicke, das Nilpferd-Versuch 3 hei\u00dft. Eigentlich hie\u00df das Buch mal \u201eSolange die Nachtigall singt.\u201c<br \/>\nSollen wir es umbenennen in \u201eSolange das Nilpferd singt?\u201c<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen stehe ich um f\u00fcnf Uhr auf, ehe die Kinder wach werden, und verstecke Ostereier. Drinnen, da drau\u00dfen jetzt eine geschlossene Schneedecke liegt. Es schneit allerdings nicht mehr. Es hagelt. Lintje findet die meisten Eier, sie kriecht beseelt durchs Wohnzimmer und versteckt die Eier auch gleich wieder, nachdem sie sie angelutscht hat. Am besten sind dazu die Ritzen zwischen den Dielen, wo man die Schokolade garantiert nie wieder herausbekommt.<br \/>\nZur Entspannung nach all dem Computer\u00e4rger machen wir den geplanten Osterspaziergang. Wir haben sogar ein Picknick mit, samt p\u00e4dagogischem Vorlesebuch<br \/>\n\u201eMir ist kalt!\u201c, ruft Alva. \u201eKann ich nach Hause und einen Film gucken?\u201c<br \/>\nNachts setze ich mich wieder an den Computer, denn in zwei Tagen muss ich mit den \u00c4nderungen durch sein. Leider schlafen in dieser Nacht die Kinder nicht. Sie scheinen Alptr\u00e4ume von eingeschneiten Ostereiern zuhaben &#8230;<br \/>\nZum Gl\u00fcck hat am Montag unsere Babysitterin wieder Zeit. Ich verfrachte beide Kinder zu ihr \u2013 wo sie einen Film gucken. Dann setze ich mich zu Hause alleine an den Computer und dr\u00fccke auf den Knopf Alle \u00c4nderungen akzeptieren. Mir doch egal, was in dem Buch steht.<br \/>\nDer Computer macht ein summendes Ger\u00e4usch und l\u00f6scht den gesamten Text. Sehr vern\u00fcnftige Entscheidung von der Lektorin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Ostersonntag fasste ich Fleisch, Rauchen und Handy benutzen. Na ja, ich bin Vegatarier, Nichtraucher und habe kein Handy. Was ich wirklich gerne fasten w\u00fcrde, w\u00e4re Computer &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-713","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-lustige-leben-der-autoren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=713"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/713\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}