{"id":717,"date":"2012-06-18T07:33:34","date_gmt":"2012-06-18T07:33:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=717"},"modified":"2012-06-18T07:33:34","modified_gmt":"2012-06-18T07:33:34","slug":"allerweltsheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/allerweltsheim\/","title":{"rendered":"Allerweltsheim"},"content":{"rendered":"<p>Entschuldigen Sie, ich wollte eigentlich einen Blog \u00fcber die letzte Lesereise schreiben, aber mein Kind hat gerade einen Tobsuchtsanfall, weil es nicht auf der Asphaltstra\u00dfe krabbeln darf.<br \/>\nIch wollte berichten, wie ich mir in meinen Turnschuhen in der Schweiz meine F\u00fc\u00dfe l\u00f6chrig lief wie einen einheimischen K\u00e4se, und wie ich eine Fu\u00dfblutspur in allen Hotelbetten hinterlie\u00df. Ich wollte von F\u00f6rster Bruno erz\u00e4hlen, der beim Autorentreff sein p\u00e4dagogisches kein-M\u00fcll-im-Wald-Buch vorstellte und zu den Bildern von emsigen Zwergen und grinsenden K\u00e4fern leise Sph\u00e4renkl\u00e4nge abspielte, bei denen sein langes Haar und sein wallender Bart rhythmisch wehten.<br \/>\nIch wollte \u2013 aber da kommt mein Kind durchs hohe Gras angekrabbelt, und jetzt wird es gleich wieder ungl\u00fccklich werden, weil es den Computer nicht benutzen darf.<br \/>\nOsjckljwuerkfjsoicuxkxlkuwicx<br \/>\nEs durfte den Computer doch benutzen.<br \/>\nWenn es jetzt nicht gleich bittere Tr\u00e4nen weint, weil es meine Teetasse nicht haben kann, erz\u00e4hle ich wenigstens vom sch\u00f6nen Welzheim. Wenn Sie noch einen Urlaubsort suchen \u2013 Welzheim it is! Malerisch gelegen am Limes (den zu besichtigen mir trotz der vielen Schilder nicht gelungen ist, da ich, egal, welchem Schild ich folgte, immer bei einem f\u00fcnfst\u00f6ckigen Altenheim herauskam) \u2013 also, malerisch gelegen am Limes bietet Welzheim dem Urlauber einfach alles. Zun\u00e4chst das lokale Wetter: Welzheim befindet sich in einer eigenen Klimazone, in der stets ein erfrischender Dauerregen f\u00e4llt. Dann die F\u00fclle von Hotels: Das einzige offene Hotel war zwar gar nicht offen, weil es Ruhetag hatte, aber die Hintert\u00fcr stand offen und man legte mir den Schl\u00fcssel dort auf eine Theke. Es lagen mehrere Schl\u00fcssel dort, ich suchte mir den sch\u00f6nsten aus und legte ihn brav jedesmal, wenn ich wegging, wieder dorthin, damit zuf\u00e4llig vorbeikommende Touristen in meinem Zimmer Zuflucht vor dem Regen suchen konnten. Dann die ausgedehnte Gastronomie: Bei meiner Ankunft nach 20 Uhr fand ich noch einen offenen D\u00f6nerladen mir ein gebrauchtes vegetarisches K\u00e4sebr\u00f6tchen mit viel Fleisch verkaufte. Angesichts des anheimelnden Regens erkundigte ich mich nach tr\u00f6stenden alkoholischen Getr\u00e4nken, und die freundliche Ladenbesitzerin holte mit Verschw\u00f6rermiene die harten Drogen unter dem Tisch hervor. \u201eDas ist lokaler Ros\u00e9\u201c, sagte sie und reichte mir eine Flasche. \u201eWird gerne zu Sprite genommen. In der Kombination soll man ihn trinken k\u00f6nnen.\u201c Ohne die Sprite verkaufte sie ihn nicht. Der Welzheimer an sich ist \u00fcbrigens ein sehr ordentlicher Mensch, nicht nur was Ladenschlie\u00dfzeiten und Verkaufsethos angeht. Vor der Lesung am n\u00e4chsten Tag ma\u00df der Hausmeister mit einem Zollstock akkurat die Abst\u00e4nde der St\u00fchle aus. Da es an die hundert St\u00fchle waren, dauerte das etwas, es machte aber nichts, denn drau\u00dfen regnete es ja sowieso, und nach der Lesung bekam ich vom Direktor eine Flasche geschenkt, an der ein kleines P\u00e4ckchen hing. Beim \u00d6ffnen im Hotel (ich suchte mir diesmal einen anderen Schl\u00fcssel und ein anderes Zimmer aus) stellte sich heraus, dass die Flasche nat\u00fcrlich lokalen Ros\u00e9 enthielt, aber in dem P\u00e4ckchen, dachte ich, w\u00e4ren sicherlich Pralinen \u2026 nein. Seife. H\u00e4tte ich mich vor der Lesung gr\u00fcndlicher waschen sollen? Oder ist es ein Welzheimer Brauch, Besuchern Seife zu schenken, damit sie sich damit in den Regen stellen k\u00f6nnen, statt zu duschen? Essbar war die Seife leider nicht, und Restaurants und Gesch\u00e4fte hatten auch tags\u00fcber alle geschlossen. Die freundliche Buchh\u00e4ndlerin empfahl mit das Caf\u00e9 am See, malerisch gelegen \u2013 und die T\u00fcr stand offen! Hoffnungsfroh (und nass) trat ich ein und wurde von einem Baby angebr\u00fcllt, dessen Mutter gleichzeitig das Baby anbr\u00fcllte, mich sah und sagte: \u201eWir haben geschlossen.\u201c<br \/>\nDas einzige, was offen hatte, war das f\u00fcnfst\u00f6ckige Altenheim, da gab es Erdbeereis mit Sahne, aber nur f\u00fcr Angeh\u00f6rige der Insassen, ich meine: Bewohner.<br \/>\nAbends bei der Lesung ging einer der Welzheimer in der Pause \u2013 ein junger, sehr emotional wirkender Mann, &#8211; da ihm die Lesung zu emotional war. Ich glaube, in Wirklichkeit st\u00f6rte ihn mein Magenknurren. Nach der Lesung hatte dann zwar alles schon zu, aber ich bekam K\u00e4sebrote bei einer netten Zuh\u00f6rerin zu Hause. Bei meiner Abfahrt am n\u00e4chsten Tag schneite es in dichten Flocken auf die bl\u00fchenden Mai-B\u00e4ume. Das Fahrkartenh\u00e4uschen hatte noch zu &#8230;<br \/>\nJa, dies alles h\u00e4tte ich vielleicht erz\u00e4hlt, w\u00fcrde nicht mein Kind jetzt gerade wieder auf die Asphaltstra\u00dfe zu krabbeln. Es will nicht etwa \u00fcber die Stra\u00dfe (dr\u00fcben ist ja nichts. Blo\u00df langweilige Natur), es will auf der Stra\u00dfe entlang krabbeln. Krabbeln im wei\u00dfen Strandsand? Krabbeln im Gras? Krabbeln auf Waldmoos? Langweilig. Dieses Kind will Ashpalt. Und es tr\u00e4umt von Gro\u00dfem, ich sehe es in seinen Augen leuchten. Es tr\u00e4umt von der A 20.<br \/>\nIch gehe es besser einfangen. Sonst krabbelt es noch auf der \u00dcberholspur nach Welzheim, und ein allzulanger Aufenthalt dort ist sicherlich gef\u00e4hrlicher als die Autobahn.<br \/>\nDen malerischen Welzheimer See habe ich \u00fcbrigens nie gefunden. Daf\u00fcr einen Friedhof mit lauter ganz neuen Holzkreuzen. \u201eWie kommt es, das in den letzten Jahre so viele Welzheimer gestorben sind? Sind die erfroren oder verhungert, weil st\u00e4ndig alles zu hat?\u201c, fragte ich alarmiert den Friedhofsw\u00e4rter. \u201eDas waren keine Welzheimer\u201c, sagte er. \u201eDas waren Autoren, die in der Buchhandlung hier gelesen haben.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesereisen sind sch\u00f6n, erholsam und entspannend. Manchmal jedoch auch blutig und nass &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-717","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unsere-heroischen-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=717"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/717\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}