{"id":720,"date":"2012-07-31T08:50:38","date_gmt":"2012-07-31T08:50:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=720"},"modified":"2012-07-31T08:50:38","modified_gmt":"2012-07-31T08:50:38","slug":"leben-ist-die-halbe-ordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/leben-ist-die-halbe-ordnung\/","title":{"rendered":"Leben ist die halbe Ordnung"},"content":{"rendered":"<p>Ich r\u00e4ume auf.<br \/>\nDas ist nichts Besonderes, ich r\u00e4ume st\u00e4ndig auf, aber heute r\u00e4ume ich richtig auf, denn wir erwarten hohen Besuch.<br \/>\nWir begreifen nicht, sagen die Reporter immer, wie Sie all diese Dinge tun, Frau M. Die B\u00fccher und die Kinder und das Theater und die F\u00f6rderkinder \u2026 Irgendwas muss doch auf der Strecke bleiben! Und auf der Strecke bleibt &#8230; na? Erraten. Der Haushalt.<br \/>\nWir leben in einem stetig wachsenden Universum  aus winzigen und winzigsten Plastikspielzeugpartikeln, Holzpuppen, gesammelten Steinen, Muscheln, Federn, Puppen, Stofftieren und Ausmalb\u00fcchern, das ich dauernd an einer Ecke wegr\u00e4ume, w\u00e4hrend sie an einer anderen wieder hervorgekrochen kommen.<br \/>\nEine gute Hausfrau w\u00fcrde diese Dinge endg\u00fcltig in ihre Schranken weisen, in den Ecken Staub wischen, die Spinnen einsaugen und die Kinder ins Kinderzimmer stecken. Ich selbst bin, was Spinnen angeht, Pazifist &#8211; und was Ordnung angeht, Entropist. Aber heute<br \/>\nr\u00e4ume ich auf.<br \/>\nDer hohe Besuch, der kommt, ist der Pfarrer, denn die kleinste Katastrophe im Haus soll nach \u00fcber einem Jahr endlich getauft werden. Fr\u00fcher ging es nicht, da unserer Pfarrer verschwand und der neue Pfarrer in S\u00fcdafrika verschollen war. Jetzt ist der Neue da, aber angeblich im Urlaub.<br \/>\n\u201eWas TUST du mit diesen Pfarrern?\u201c, fragte mein Mann. \u201eVerbummelst du sie in Spielzeugkisten?\u201c Und dann grub irgendwo einen Leihpfarrer aus.<br \/>\nF\u00fcr den ich nun also aufr\u00e4ume.<br \/>\nMein Mann sagt, die Kinder m\u00fcssen getauft werden, damit sie sp\u00e4ter nicht zu fromm werden. Es w\u00e4re besser, meint er, sie h\u00e4tten etwas, gegen das sie rebellieren k\u00f6nnten und w\u00fcrden dann brav mit 18 aus der Kirche austreten.<br \/>\nAber wenn wir es gleich bleiben lie\u00dfen, nicht wahr, dann m\u00fcsste ich doch nicht aufr\u00e4umen \u2026?<br \/>\nUnter dem Tisch finde ich eine Sammlung von Gew\u00fcrzdosen, mit denen Lintje besonders gerne spielt, die aber, da sie auch besonders gerne mit ihrem Essen wirft, in einer Art z\u00e4her Masse aus Staub, Kartoffelbrei und Wurstst\u00fcckchen festkleben.<br \/>\nIm Wohnzimmer stolpere ich \u00fcber ungef\u00e4hr dreihundert Murmeln. Zum Gl\u00fcck sind im Boden Astl\u00f6cher, da fallen ab und zu ein paar Murmeln rein und bleiben verschollen. Ich r\u00e4ume die Murmeln in den Kochtopf, in dem sie wohnen, klebe die Gew\u00fcrzdosen ins Gew\u00fcrzregal zwischen Alvas vertrocknete Blumenketten und ihre Schnipselkunstwerke und \u2026<br \/>\n\u201eMama!\u201c, kr\u00e4ht Lintje triumphierend und kippt die Flurkiste aus, in der die Theaterrequisiten der letzten drei St\u00fccke liegen.<br \/>\n\u201eIch mache Kunst\u201c, sagt Alva, \u00f6ffnet all ihre Filzstifte und beginnt, den Fu\u00dfboden anzumalen.<br \/>\n\u201eAntonia\u201c, sagt mein F\u00f6rderkind an der T\u00fcr, \u201ekannst du mir mal eben was ausdrucken \u2026?\u201c<br \/>\n\u201eNEIN!\u201c, schreie ich. \u201eDer Drucker hat seit gestern einen unl\u00f6schbaren Durckbefehl f\u00fcr 200 Seiten Manuskript, die ich gar nicht drucken wollte, und ich R\u00c4UME AUF!\u201c<br \/>\nLintje kegelt jmit den Katzenfutterdosen. Alva baut der Katze aus ihren Prinzessinnenzeitschriften und der Tischdecke ein Nest unter der Eckbank, st\u00f6\u00dft dabei ihr Saftglas um, wischt aber geistesgegenw\u00e4rtig den Fleck mit einem Stapel frischer W\u00e4sche weg. Lintje verlegt ihren Arbeitsplatz in die K\u00fcche und mischt die Katzenstreu aus dem Katzenklo mit den Brekkis.<br \/>\nAch ja, die Katze. Die ist neu, schwarz, handtellergro\u00df und hei\u00dft, sagt Alva, Zopf.<br \/>\nSie r\u00e4umt auch gerne auf.<br \/>\nJetzt zum Beispiel, jetzt r\u00e4umt sie die Eckbank auf, in dem sie die Decke und alle Kisten herunterzieht. Danach nimmt sie sich den Tisch vor. Dort hatte ich ein paar Gl\u00e4ser mit Wasser hingestellt, f\u00fcr die Pfarrer-Besprechung. Klirrrr!<br \/>\nAlva hat der Katze drau\u00dfen im Sandkasten ein Abendessen gekocht und bringt es herein, um es auf dem Boden h\u00fcbsch mit Bl\u00fctenbl\u00e4ttern und Glasst\u00fcckchen anzurichten.<br \/>\nDa klingelt es. In kurzer Abfolge kommen mein Mann und der Pfarrer herein.<br \/>\n\u201eDas, was da drau\u00dfen dran steht\u201c, sagt der Pfarrer, \u201e\u00e4h \u2026 ist das der Name Ihres Hauses? Ich  kenne ja einige H\u00e4user mit Namen, hier auf den Inseln \u2026 Haus Meerblick, Haus Rosalinde, Haus Wei\u00dfe D\u00fcne \u2026 aber dieses hier hei\u00dft \u2026 Haus SCHERBENSAND.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sage ich schlicht.<br \/>\nDer Pfarrer zieht jetzt makellose schwarze Birkenstocks an, und der Kater Zopf wetzt freudig seine Krallen \u2026 \u201eNein!\u201c, sage ich, worauf hin Zopf beleidigt an der Wand hochgeht. Senkrecht. Das ist der Nachteil von Wandteppichen. Der Kater wird jetzt wohl ein bisschen Ordnung in die Deckenlampe bringen.<br \/>\n\u201eWas haben Sie sich denn als Taufspruch \u00fcberlegt?\u201c, fragt der Pfarrer.<br \/>\nLintje \u00f6ffnet stolz die Ofenklappe und greift hinein, um ihm etwas von der Asche anzubieten.<br \/>\n\u201eBei diesem Kind dachte ich an: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c, schlage ich vor.<br \/>\nDer Pfarrer \u00fcberh\u00f6rt das und setzt sich auf einen Stuhl, auf dem ein altes St\u00fcck R\u00fchrei mit Ketschup klebt.<br \/>\n\u201eWas machen Sie denn beide so?\u201c, fragt er meinen Mann. \u201eBeruflich?\u201c<br \/>\n\u201eEr ist Arzt\u201c, antworte ich. \u201eICH r\u00e4ume auf.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf meinem liebsten Geschirrtuch steht: A clean household is a sign of a wasted life. Das Tuch ist seitlich angekohlt und hat drei nicht auswaschbare Flecken. Ich h\u00e4nge es stets gut sichtbar an den Ofen, wenn Besuch kommt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-720","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-haselmaus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=720"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}