{"id":724,"date":"2012-11-15T19:29:28","date_gmt":"2012-11-15T19:29:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=724"},"modified":"2012-11-15T19:29:28","modified_gmt":"2012-11-15T19:29:28","slug":"der-kleine-reiseberater-marokkos-pittoreske-bergwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/der-kleine-reiseberater-marokkos-pittoreske-bergwelt\/","title":{"rendered":"Der kleine Reiseberater &#8211; Marokkos pittoreske Bergwelt"},"content":{"rendered":"<p>Der Atlas<br \/>\nist unhandlich. Immer schon gewesen.<br \/>\nZu meiner Schulzeit war er von Dierke und musste zu jeder Geographiestunde mitgeschleppt werden. Lernen taten wir daraus, wie man Wirtschaftsstandorte in Niederbayern kennzeichnet. Wo Norden oder S\u00fcden ist, habe ich erst nach dem Abitur erfahren.<br \/>\nUnd neulich habe ich gelernt, dass der wahre Atlas in Marokko liegt und ein Gebirge ist (falls Sie auch Geographie in Bayern hatten: Marokko ist von Deutschland aus gesehen UNTEN und liegt in Afrika. Afrika ist ein anderer Kontinent. Was ein Kontinent ist, wei\u00df ich nicht).<br \/>\n\u201eWir wandern im hohen Atlas\u201c, erkl\u00e4rt mir mein Mann. \u201eDaneben liegt der mittlere Atlas, der ist mittelhoch, und dann gibt es noch den Antiatlas.\u201c<br \/>\n\u201eAch\u201c, sagte ich, \u201eund was ist der?\u201c<br \/>\n\u201eDer ist dagegen\u201c, sagt mein Mann.<br \/>\nIch bin daf\u00fcr, und zwar f\u00fcrs Wandern, denn frische Luft ist ja gesund. Hoffentlich ist es nicht zu hei\u00df. Wir beginnen unsere Wanderung damit, dass wir eine Wanderkarte suchen.<br \/>\n\u201eIch kann aber keine Karten lesen!\u201c, sage ich.<br \/>\nDas macht nichts, denn die Marokkaner k\u00f6nnen auch keine schreiben.<br \/>\nAlles, was wir finden, sind bl\u00e4sslich kopierte Milit\u00e4rkarten aus dem vorletzten Krieg, die ein v\u00f6llig anderes Land zeigen.<br \/>\nSchlie\u00dflich hat man Mitleid mit uns und gibt uns einen Bergf\u00fchrer mit: Maruan.<br \/>\nMaruan spricht Englisch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und Spanisch &#8211; und zwar alles auf einmal. Uns bringt er Tamasirt bei, die Berbersprache der Berbe. \u00c4h, der Berge. Zuerst glauben wir, er h\u00e4tte Husten, finden aber dann heraus, dass er nur ab und zu Bemerkungen auf Arabisch macht.<br \/>\nSo ziehen wir los, ins Jebirge: Hoch, h\u00f6her und noch h\u00f6her. Es ist sch\u00f6n frisch.<br \/>\nVor allem gibt es Ziege und Schafe, die ich allerdings nicht unterscheiden kann. Ich glaube, es ist ein und dasselbe Tier.<br \/>\nAm Abend rasten wir in einer GANZ NEUEN Herberge, auf die die Marokkaner sehr stolz sind. Sie ist so neu, dass wir durch frischen Beton waten m\u00fcssen, um sie zu erreichen. Ein kalter Wind pfeift \u00fcber die Baustelle, und gegessen wird im Keller, denn da ist es (ein bisschen) w\u00e4rmer. Wir ziehen alles an, was wir haben, inklusive Termoleggins, und wickeln uns die Bettdecken um den Kopf.<br \/>\nUnser Geld verwahrt mein Mann im HOCHGEHEIMEN GELDGURT, den er nachts unter die Matratze legt, wo er ihn am zweiten Tag umsichtig vergisst.<br \/>\nLeider f\u00e4llt uns das erst auf dem n\u00e4chsten Gipfel auf.<br \/>\nMaruan geht heldenhaft zur\u00fcck, um ihn zu holen, und von nun an ruft er jedem, den wir treffen, auch \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen hinweg die Geschcihte vom HOCHGEHEIMEN GELDGURT zu. In einigen Jahren werden sie vermutlich in der Region Balladen dar\u00fcber singen und Repliken f\u00fcr Touristen davon anfertigen.<br \/>\n\u00dcbrigens haben wir auch einen Koch. Monsieur Ali, der in seinem kleinen Rucksack alle Zutaten schleppt. Da seine Kleider nicht mehr in den Rucksack passen, tr\u00e4gt er vier Hosen und drei Jacken \u00fcbereinander, die er zwischendurch immer aus und anzieht.<br \/>\nKoch tut er meistens Fladenbrot mit Tomatenscheiben.<br \/>\nLeider sind wir durch die Geschichte mit dem HOCHGEHEIMEN GELDGURT sp\u00e4t dran, und im n\u00e4chsten Ort sind ger\u00fcchtweise 20 Franzosen eingefallen, so dass wir rennen m\u00fcssen, um noch ein Zimmer zu bekommen. \u00dcber Berge rennt es sich schlecht. Mein Mann, der den schwereren Rucksack hat, bleibt etwas zur\u00fcck, und ich lege an jeder Weggabelung f\u00fcr ihn Seiten aus meinem Notizbuch unter Steine. Einmal hinterlasse ich ihm auch unsere Wasserflasche am Wegesrand, die er zwar photographiert, aber nicht bemerkt.<br \/>\nAls wir im Dorf ankommen, haben die 20 Franzosen es schon komplett eingenommen. Wir beziehen ein Zimmer nebenan; ohne so l\u00e4stige Dinge wie flie\u00dfend Wasser.<br \/>\nDie Franzosen haben 15 Mulis, 3 K\u00f6che und 7 Reisef\u00fchrer, die singen und trommeln die ganze Nacht (auch die Mulis), und da sind wir nur ein KLEINES bisschen schadenfroh.<br \/>\nMonsieur Ali kocht abends Tagine, das geht so: Man nimmt Kartoffeln, Gem\u00fcse (m\u00f6glichst ohne Geschmack) und etwas \u00fcberfahrene Ziege, kocht alles sieben bis acht Stunden und servierte es dann auf einem malerischen Tonteller. Gew\u00fcrze gibt es in Marokko eine Menge: auf den M\u00e4rkten, in den L\u00e4den, wildwachsend am Berg \u2013 im Essen allerdings befinden sie sich NICHT. Auf dem Tisch steht eine gro\u00dfe wei\u00dfe Ketschupflasche, die Salz enth\u00e4lt. Man muss sie umdrehen und kurz und ruckartig daraufdr\u00fccken. Dann kommt das Salz auch kurz und ruckartig herausgeschossen, so dass man meistens den \u00c4rmel seines Nachbarn salzt.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag vergessen wir keinen Bauchgurt. Daf\u00fcr meine frisch gewaschene W\u00e4sche. Das Gep\u00e4ck wird zunehmend leichter.<br \/>\nAch ja &#8211; die Landschaft? Na ja. Recht bergig, wie mir scheint. Weiter oben gibt es vor allem Steine. Haupts\u00e4chlicher Bewuchs: Steine (man sieht auch den einen oder anderen Felsen). Wir keuchen \u00fcber Pass um Pass, und wenn wir oben sind, genie\u00dfen wir im eisigem Wind den Ausblick auf \u2013 Steine.<br \/>\nZu Hause kann man auch ganz sch\u00f6n spazieren gehen.<br \/>\nDer letzte Tag unserer Wanderung ist eine \u201eh\u00fcbsche, gro\u00dfe Piste\u201c, wie Maruan sagt.<br \/>\nDie Piste besteht aus \u2013 richtig \u2013 Steinen, und zwar aus losen. Wir balancieren mehrere Stunden lang mit \u00e4u\u00dferster Konzentration die steile Rollsplitt-Strecke hinunter. Warum ist diese Piste da?, fragen wir. Ist sie auf geheime Weise nat\u00fcrlich entstanden? Ein geographisches Ph\u00e4nomen? N\u00f6, sagt Maruan. Die haben sie in den Berg gesprengt, um einen Handymast auf den Gipfel zu stellen.<br \/>\nGanz sch\u00f6n anstrengend, da runter zu gehen, was? Aber die Franzosen, f\u00fcgt er zufrieden hinzu, DIE mussten hier gestern RAUF, und Franzosen konnte er sowieso noch nie leiden.<br \/>\nDie Stra\u00dfe an unserem letzten Wandertag ist sch\u00f6ner. Das Sch\u00f6nste an ihr ist der Regen. Wir waten den ganzen Tag durch tiefe, schlammige Pf\u00fctzen. Ab und zu fahren Autos vorbei, aus denen an allen Seiten Ziegen und Menschen heraush\u00e4ngen (sie packen hier ja die Autos \u00e4hnlich wie ich meinen Rucksack), und die Reifen spritzen uns von oben bis unten nass. Das Highlight des Tages stellt eine kaputte franz\u00f6sische Fabrik dar. Was haben die denn hergestellt?, frage ich vorsichtig.<br \/>\nSteine, sagt Maruan.<br \/>\nAm Ende schwimmen wir nach Ijoukak hinein: ein Ort, der genauso aussieht, wie er hei\u00dft. Zumindest bei Regen.<br \/>\nMaruan wringt uns aus und setzt uns in ein Taxi, das uns durch den Rest des Gebirges bringt. Ab und zu liegen stark verformte Autos am Stra\u00dfenrand, doch niemand regt sich dar\u00fcber auf. Es ist offenbar normal, dass man an einem Regentag im Atlas pro Fahrt zwei oder drei Autos einfach verbraucht.<br \/>\nZum Abschied vergessen wir unsere Regenjacken im Taxi.<br \/>\n\u201eWarum kommen die Deutschen eigentlich nach Marokko zum Wandern?\u201c, fragt der Taxifahrer. \u201eHaben die zu Hause keinen Regen?\u201c<br \/>\n\u201eDoch\u201c, sagen wir. \u201eAber nicht so sch\u00f6ne Steine.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Atlas ist unhandlich. Immer schon gewesen. 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