{"id":729,"date":"2012-12-06T09:16:41","date_gmt":"2012-12-06T09:16:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antoniamichaelis.de\/?p=729"},"modified":"2012-12-06T09:16:41","modified_gmt":"2012-12-06T09:16:41","slug":"der-kleine-reiseberater-wunder-der-wusten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/der-kleine-reiseberater-wunder-der-wusten\/","title":{"rendered":"Der kleine Reiseberater &#8211; Wunder der W\u00fcsten"},"content":{"rendered":"<p>Der kleine Reiseberater \u2013 Wunder der W\u00fcsten<\/p>\n<p>Kurztext:<br \/>\nVon kopflosen Schafen, schmelzenden Burgen und motorisierten Kamelen<\/p>\n<p>Bislang hatte ich in diesem Winter das Problem, dass ich den Komposthaufen optisch nicht vom Garten unterscheiden konnte. Aber nun liegt Schnee, wunderbar wei\u00dfer Schnee! Leider kann man daraus nichts bauen, noch nicht einmal einen Schneeball. Der Schnee hat die gleiche Konsistenz wie unser Keksteig: Er staubt und kr\u00fcmelt und l\u00e4sst sich zu nichts verarbeiten. Ich erw\u00e4ge kurz, Uhu in Teig UND Schnee zu gie\u00dfen, sehe aber (aus Mangel an Uhu) davon ab.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ich die wei\u00dfen Schneewehen betrachte, denke ich an die orangefarbenen D\u00fcnen der W\u00fcste in Marokko.<br \/>\nDort gab es keine Probleme mit Keksteig, denn es gab keine Kekse. Es gab, ehrlich gesagt, \u00fcberhaupt nichts zu essen. Das lag daran, dass zu der Zeit, zu der wir in der W\u00fcste waren, das Schafsfest stattfand.<br \/>\n\u201eFr\u00fchst\u00fcck?\u201c, h\u00f6re ich den Hotelier noch sagen. \u201eNein, Fr\u00fchst\u00fcck gibt es heute nicht. Heute ist doch Schafsfest. Caf\u00e9s? Nein, Caf\u00e9s haben heute keine offen. Heute ist doch Schafsfest. L\u00e4den? Nein, die L\u00e4den sind heute zu. Es ist doch &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJa ja\u201c, knurren wir, \u201ewissen wir schon.\u201c<br \/>\nDer Hotelier hat Mitleid mit uns und serviert uns ein Schafsfest-typisches Fr\u00fchst\u00fcck: kalten Haferbrei ohne Zucker und Milch, daf\u00fcr aber mit sehr viel rotem \u00d6l und etwas (aber nur etwas) Salz. Ungef\u00e4hr so stelle ich mir Scheibenkleister vor. Daraus h\u00e4tte man GARANTIERT einen Schneemann bauen k\u00f6nnen. Mit verklebten M\u00e4gen wandern wir durch enge Lehmgassen, in denen malerische bunte Mammis sitzen und in gro\u00dfen Plastikwannen fr\u00f6hlich Schafsged\u00e4rme auswaschen. Durch die Gassen flie\u00dft eine fr\u00f6hliche Mischung aus Sp\u00fclwasser, Schafskot und frischem Blut, und die Lehmw\u00e4nde sind h\u00fcbsch mit abgeschlagenen Schafsk\u00f6pfen dekoriert. Hier und da h\u00e4ngt ein Bein oder ein blutiges Fell \u00fcber einer W\u00e4scheleine \u2026 Hatte ich erw\u00e4hnt, dass ich Vegetarier bin?<br \/>\nSchlie\u00dflich umringt uns ein Schwarm kleiner M\u00e4dchen mit Glitzerohrringen, hochhackigen Schuhen und hennabemalten H\u00e4nden und versucht uns weis zu machen, sie w\u00e4ren arm und hungrig. Als das nicht zieht, laden sie uns stattdessen in ihre 25 verschiedene Zuhauses ein \u2013 zum Schafessen. Wir lehnen dankend ab.<br \/>\nDas einzige, was man am Tag des Schafsfest noch tun kann, ist, einen Ausflug nach Ben-Hur-Stadt zu machen, denn der Jeepfahrer ist froh, dem famili\u00e4ren Schafsessen zu entrinnen. Also fliegen wir aus. Ben-Hur-Stadt liegt am Rand der W\u00fcste und hei\u00dft so, erraten, weil hier Ben Hur gedreht wurde. Und alle andere Filme, die in W\u00fcstenst\u00e4dten spielen. Als wir ankommen, wird uns gleich verboten, das alte Lehmtor zu knipsen. N\u00e4mlich weil: Es ist eine Pappkulisse. Photographieren darf man es erst, wenn der entsprechende Film abgedreht wurde.<br \/>\nBeim Sonnenuntergang versammeln sich alle Einwohner von Ben-Hur-Stadt am h\u00f6chten Punkt der Stadt, neben einem malerischen \u2026 Trafoh\u00e4uschen. Vielleicht ist es auch eine Garage.<br \/>\nDie Sonne sinkt hinter die D\u00fcnen, und wir seufzen.<br \/>\nZeit, in die richtige W\u00fcste zu fahren!<br \/>\nDas tun wir, am n\u00e4chsten Tag, und auf dem Weg zeigt uns der Fahrer einen ganzen Strau\u00df von Sehensw\u00fcrdigkeiten. Zun\u00e4chst w\u00e4ren da die Kasbas, Festungen aus Lehm, die wir vom Jeep aus photographieren d\u00fcrfen. Zu Fu\u00df hingehen d\u00fcrfen wir nicht, zu Fu\u00df gehen gilt in Marokko als \u00e4u\u00dferst sch\u00e4dlich. Als heilsam gilt dagegen der Besuch im \u201eTals der Rosen\u201c, das, wenn die Rosen bl\u00fchen, ein unglaublicher Anblick sein soll &#8230; Das Tal der Rosen besteht aus einem Parkplatz, einem Parfumgesch\u00e4ft, einem betonierten Aussichtsh\u00fcgel und einem Touristencaf\u00e9. Es GIBT auch Rosen. Auf dem Klo des Caf\u00e9s.<br \/>\nD\u00fcrfen wir jetzt in die W\u00fcste?, fragen wir zaghaft. Da war doch was mit Kamelreiten \u2026 Jetzt ist es zu sp\u00e4t, sagt unser Fahrer. Tats\u00e4chlich verzieht sich die Sonne mit einem aufreizend gen\u00fcsslichen Seufzen hinter die D\u00fcnen, als wir ankommen, und das Kamelreiten wird auf den n\u00e4chsten Tag verschoben. Wir schlafen hochherrschaftlich in \u2026 einer Kasba! Gl\u00fccklicher Weise regnet es nicht, denn mein Mann liest im Reisef\u00fchrer, dass die Lehm-Kasbas bei Regen schmelzen. Wenn man fr\u00fcher einen verfeindeten W\u00fcstenclan belagerte, so der Reisef\u00fchrer, goss man einfach Wasser um die gegnerische Kasba herum auf den Boden, wartete, bis sie schmolz und sammelte die herausfallenden Feinde ein.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag kaufen wir im Dorf zwei Turbane, da wir ja abends heldenhaft Kamel reiten wollen. Wir verwickeln uns eine Weile, bis uns der Verk\u00e4ufer befreit und uns zeigt, wie man die Dinger richtig wickelt. Er verkauft auch Versteinerungen, vor allem versteinerte Schnecken. Dass die Schnecken auf ihrem Weg durch die D\u00fcnen versteinert sind, ist kein Wunder \u2013 aber WO wollten sie HIN?<br \/>\nZum Abschied erz\u00e4hlt uns der Verk\u00e4ufer, dass auch dieses Dorf eine umfangreiche Filmgeschichte hat: Vor zehn Jahren kaufte eine blonde Frau ebenfalls einen Turban bei ihm. Damit setzte sich in ein Zelt neben der staubigen Stra\u00dfe, lie\u00df sich etwas zu trinken bringen \u2013 das war Tee; es gibt in der W\u00fcste nur Tee \u2013 und sich dabei filmen, wie sie die Tasse hob und in die Kamera sagte: \u201eJakobs Kaffee, wunderbar.\u201c<br \/>\nUnd, sagt der Turbanh\u00e4ndler, Skier und Snowbards w\u00fcrde er auch verliehen. Oder wollten wir lieber einen Motorschlitten? Der moderne Tourist, so lernen wir, heizt n\u00e4mlich lieber motorisiert die D\u00fcnen hinunter, als auf einem ollen Retro-Kamel hindurchzuschaukeln.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen schneit es noch immer. Ich sortiere Weihnachtsschmuck. Da sind sie ja, die heiligen drei K\u00f6nige! Ich beseitige das Kamel, koch etwas Haferbrei mit \u00d6l und beginne, einen Motorschlitten daraus zu formen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kleine Reiseberater \u2013 Wunder der W\u00fcsten Kurztext: Von kopflosen Schafen, schmelzenden Burgen und motorisierten Kamelen Bislang hatte ich in diesem Winter das Problem, dass ich den Komposthaufen optisch nicht vom Garten unterscheiden konnte. Aber nun liegt Schnee, wunderbar wei\u00dfer Schnee! Leider kann man daraus nichts bauen, noch nicht einmal einen Schneeball. 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