{"id":745,"date":"2018-09-08T19:53:09","date_gmt":"2018-09-08T17:53:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.antonia-michaelis.de\/?p=745"},"modified":"2018-09-08T19:53:09","modified_gmt":"2018-09-08T17:53:09","slug":"ikea-auf-madegassisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/ikea-auf-madegassisch\/","title":{"rendered":"Ikea auf madegassisch"},"content":{"rendered":"<p>Ikea in Antsirab\u00e9 befindet sich direkt am Stra\u00dfenrand, und alles ist so wie bei Ikea in Europa: M\u00f6bel aus hellem Kiefernholz, jungdynamische Verk\u00e4ufer, die einen mit Vornamen und Du ansprechen, progressive M\u00fctter, die ihre Kinder stillen.<\/p>\n<p>Gut, bei Ikea in Europa ist es ein bisschen weniger staubig, es kommen nicht so viele Zebu-Rinder vorbei, die stillenden M\u00fctter tragen keine Lumpen \u2026 und ich schenke ihnen kein Essen.<\/p>\n<p>Aber der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zu Ikea in Europa besteht darin, dass es bei Ikea in Madagaskar nicht Dinge zum Selbstzusammenbauen, sondern Dinge zum Selbstauseinanderbauen gibt.<\/p>\n<p>Wir kaufen Betten.<\/p>\n<p>Hilfreich h\u00fcpfen zwei junge M\u00e4dchen vorbei, bewaffnet mit einem Hammer, fordern uns zum Mitmachen auf und beginnen, die Betten kaputt zu hauen. Nein, nach dem ersten Schreck merke ich es: Sie l\u00f6sen nur die Teile voneinander, damit wir die Betten besser nach Hause kriegen.<\/p>\n<p>Eine nette Stoffh\u00e4ndlerin hilft uns, im Pick Up die St\u00fccke von drei Betten und einem Tisch zu transportieren. Sie tut das, weil wir bei ihr Vorh\u00e4nge gekauft haben &#8211; zum Selbstauseinanderschneiden: Wir haben jetzt 30 Meter Stoff am St\u00fcck.<\/p>\n<p>Schade eigentlich, dass wir keine Schere besitzen, aber was Schere auf Malagassi hei\u00dft, wissen wir noch nicht.<\/p>\n<p>Die Betten wieder aufzubauen, ist auch etwas schwierig, da alle Teile fast gleich aussehen. Wie viele Betten waren das nochmal? Vielleicht bauen wir einfach ein ganz gro\u00dfes? Unser netter Gardien Na\u00e9f kennt sich handwerklich aus, und endlich klappt es, nur, dass alle Schrauben, Winkel und Bolzen fehlen. Na, das ist wieder wie bei Ikea. Blo\u00df kein Ersatzteilautomat in der N\u00e4he.<\/p>\n<p>Na\u00e9f besorgt kurzer Hand Metall (am laufenden Meter, zum Selbstauseinanders\u00e4gen) und biegt und h\u00e4mmert die Winkel und Bolzen selbst zurecht.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes besorgen wir f\u00fcr die im Haus vorhandenen sehr harten, sehr h\u00e4sslichen Holzsessel (afrikanischer Kolonialstil, 18. Jahrhundert \u2013 oder Folterkammer, 17. Jahrhundert, l\u00e4sst sich schwer sagen) \u2013 wir besorgen also Kissen. Nein, wir besorgen Vita Foam. Vitafoam ist das madagassische \u00c4quivalent zu Matratze. Madame Martine, unsere Integrationshelferin (im Vertrag steht Kinderm\u00e4dchen) f\u00fchrt uns zum Inder und erkl\u00e4rt, diese Matratzen w\u00e4ren die Schlechtesten, immerhin sind sie vom Inder (Die Madegassen m\u00f6gen die Inder nicht so, weil die Inder reich sind). Also jedenfalls sind das die schlechtesten Matratzen, und deshalb kaufen wir sie.<\/p>\n<p>Denn sie sind billig, und der Inder kann sie in St\u00fccke schneiden, f\u00fcr die Sessel.<\/p>\n<p>Ja, k\u00f6nnte er. Tut er aber nicht. Das, sagt der Inder schlau, k\u00f6nnen wir selbst tun, wir br\u00e4uchten nur ein Messer. Er h\u00e4tte keins.<\/p>\n<p>Wir kaufen also eine Doppelbettmatratze in der Farbe einer reifen Papaya, und bekommen sie auf einem Pouspous, einer Fahrradrikscha, nach Hause geliefert: hochkant vor den Pouspous-Sitz geschn\u00fcrt (Von da an f\u00e4llt mir auf, dass viele Madagassen mit Vitafoam-Matratzen im Pouspous fahren, sie selbst sitzen selbst hinter der Matratze. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Madagassen t\u00e4glich Matratzen kaufen, es scheint also eine Art Air Bag zu sein).<\/p>\n<p>Zu Hause geht es weiter mit Ikea-Madagaskar: Riesenpapaya zum Selbstauseinanderschnipseln. Ich schnappe mir unser Teppichmesser (mit dem wir Linoleum verlegt haben, zum Selbst \u2026 Sie wissen schon) und schlachte den Schaumstoff. Man kommt mit dem Messer nie ganz durch, das Teufelszeug ist zu dick, und ich sitze bald schwitzend, hustend und niesend inmitten von unregelm\u00e4\u00dfig geschnittenen, faserigen Kanten und papayafarbenen Kunststoffflocken. So muss sich eine Ameise f\u00fchlen, die versucht ein St\u00fcck aus einem Kopfkissen zu nagen.<br \/>\nDie Fussel kleben in meinen Ohren, meiner Nase, meiner Lunge und an allen Kleidern, abstreifen geht nicht, sie sind irgendwie elektrisch geladen, oder vielleicht haben sie auch kleine Krallen. Der Inder wusste schon, warum er kein Messer hatte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich machen wir uns an die n\u00e4chste Aufgabe: Moskitonetze, die f\u00fcr gerade Decken gedacht sind, an Dachschr\u00e4gen anbringen. Das geht. Mit Schnur. Leider haben wir nicht genug Schnur, aber wir finden \u2013 richtig! Schnur zum Selbstauseinanderbauen. N\u00e4mlich ein bisschen Restseil aus dem Schuppen. Das kann man aufspleissen, die St\u00fccke aneinanderknoten, und siehe da \u2026!<br \/>\nWir betreiben auch ganz ikeam\u00e4\u00dfig Upcycling und machen aus einem kaputten St\u00fcck Gel\u00e4nder, das wir finden, eine Schaukel. Eine weitere, im Garten, l\u00e4sst sich aus einem alten Reifen bauen &#8230;<\/p>\n<p>Ich sehe die madagassischen Integrationshelfer (im Vertrag steht: Hausangestellte) schon kopfsch\u00fcttelnd auf der Veranda sitzen, wenn wir weg sind, und sagen: Diese Europ\u00e4er, die sind schon komisch. Sie h\u00e4ngen Teile von Autos an B\u00e4ume, im Wohnzimmer imitieren sie sie mit kreischend organgefarbenem Kunststoff den Schnee ihrer Heimat, und ihre M\u00f6bel bauen sie aus M\u00fcll.<\/p>\n<p>Es wird noch ein hartes St\u00fcck Arbeit, die zu erziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ikea in Antsirab\u00e9 befindet sich direkt am Stra\u00dfenrand, und alles ist so wie bei Ikea in Europa: M\u00f6bel aus hellem Kiefernholz, jungdynamische Verk\u00e4ufer, die einen mit Vornamen und Du ansprechen, progressive M\u00fctter, die ihre Kinder stillen. 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