{"id":821,"date":"2018-11-17T17:01:23","date_gmt":"2018-11-17T15:01:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/?p=821"},"modified":"2018-11-17T17:01:23","modified_gmt":"2018-11-17T15:01:23","slug":"cuisine-malgache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antonia-michaelis.de\/blog\/cuisine-malgache\/","title":{"rendered":"Cuisine malgache"},"content":{"rendered":"<p>Die madegassische K\u00fcche ist sehr vielf\u00e4ltig. Es gibt Reis, Reis und au\u00dferdem Reis, meistens mit Soupy. Soupy ist, wenn ich es richtig verstanden habe, hei\u00dfes Wasser. Nein, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sagen wir, es ist lauwarm. Man bekommt es in einer Schale neben dem Reis, der darin gekocht wurde, es enth\u00e4lt vielleicht einen Rest St\u00e4rke und manchmal, gewagter Weise, einen Ring Lauch oder einen kleinen d\u00fcnnen Strang Fr\u00fchlingszwiebel. Vielleicht ist es auch ein Grashalm.<\/p>\n<p>Man kann die Soupy \u00fcber den Reis gie\u00dfen, dann hei\u00dft er anders als wenn man die Soupy neben dem Reis her trinkt, daher sind das auf der Speisekarte schon zwei v\u00f6llig verschiedene Gerichte.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Unterschied zwischen Indien und Madagaskar besteht darin, dass die Inder Gem\u00fcse haben, dass ihnen aber st\u00e4ndig weggammelt in dem hei\u00dfen, feuchten Klima, und das sie deshalb schlau mit sehr viel scharfem Chilipulver w\u00fcrzen, damit man den Gammel nicht schmeckt. Die Madegassen hingegen haben ein eigentlich f\u00fcr alles ideales Klima, bauen alles an (und alles w\u00e4chst), besitzen daher viel frisches Obst und Gem\u00fcse, essen es aber nicht, sondern verkaufen es nur an Fremde. Oder Ultrareiche. Vom Verdienst kaufen die Bauern noch mehr \u2013 erraten! Reis.<\/p>\n<p>Daher haben in der fruchtbarsten Region des Landes, um Antsirab\u00e9 herum, wo wir leben, die Menschen Studien zu Folge die meisten Vitaminmangelerscheinungen.<\/p>\n<p>Ich kann das, als man es mir erkl\u00e4rt, nicht ganz glauben, denn es gibt so viel kleine Gem\u00fcse- und Obstst\u00e4nde, dass die Wei\u00dfen und die Ultrareichen nicht ausreichen, um all den Kram zu kaufen, die Madegassen m\u00fcssen es also irgendwie doch selbst verwerten. L\u00f6sung eins des R\u00e4tsels ist: die Pr\u00e4sidentschaftskandidaten kaufen das Gem\u00fcse und Obst auf und f\u00e4rben damit die T-Shirts, die sie zu Reklamezwecken vor der Wahl verschenken. Im Moment f\u00fchrt der Pr\u00e4sident, der die Karotten aufgekauft hat, kurz gefolgt von dem mit den Gurken.<\/p>\n<p>L\u00f6sung zwei k\u00f6nnte darin bestehen, dass die Madegassen das Gem\u00fcse doch selbst kaufen, und zwar konstant sich gegenseitig, aber danach etwas Elaboriertes damit tun, um die st\u00f6renden Vitamine rasch wieder loszuwerden. Ich interessiere mich f\u00fcr fremde Br\u00e4uche und such nach eigenen Methoden, Essen zu variieren. Daf\u00fcr gibt es noch einen Grund: Was die K\u00f6chin nicht einkauft, muss ich einkaufen, und ich hasse einkaufen hier, denn f\u00fcr jede Packung Kekse, die ich kaufe, muss ich meinem Gewissen zu Folge eine an die Bettelkinder abgeben, die durchaus zahlreich sind.<\/p>\n<p>Wenn ich also all zu h\u00e4ufig einkaufe, bekommen die armen Kinder eine Keksvergiftung, oder, noch schlimmer, da ich sie ja lieber mit Obst f\u00fcttere, eine GEF\u00c4HRLICHE Vitaminvergiftung. Also kaufen wir nur einmal die Woche ein, und dauernd fehlt irgendetwas.<\/p>\n<p>Kein Problem, wir machen es selbst. Wir sind ja \u00f6ko!<\/p>\n<p>Die Kinder (unsere) verdrehen die Augen.<\/p>\n<p>Ich hingegen st\u00fcrze mich in die K\u00fcchenarbeit und kann jetzt immerhin Ketchup, Kartoffelpuffer und Zitronenlimonade selbst machen, keine Ahnung, warum gerade diese drei Dinge. Die Saftherstellung ist so eine Sache, Mangosaft zum Beispiel kommt schlecht an, da man noch Tage sp\u00e4ter Fussel zwischen den Z\u00e4hnen hat (ich wei\u00df jetzt von unserer K\u00f6chin, wie sie die Vitamine entfernen. Sie kochen ihn.) Bei den meisten \u00e4lteren Einheimischen w\u00e4re das kein Problem. Die haben keine Z\u00e4hne. Wir leider schon noch \u2026 sehr l\u00e4stig, man spart sonst ja auch die Zahnpasta, aber wie gesagt, wir sind noch nicht KOMPLETT assimiliert. Selbstgepressten Bananensaft kann man nur mit ausreichend Rum genie\u00dfen, und bei Nudelteig bin ich noch nicht angekommen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzliche europ\u00e4ische Feste stellen die K\u00fcche vor neue Herausforderungen, wie zum Beispiel macht man an St. Martin Martinswecken, wenn die Eier aus sind (was meistens so ist)? Die Hefe, die es in der T\u00fcte gibt, hei\u00dft zwar so, tut aber nichts (sie will nur spielen). Also gibt es kleine harte M\u00e4nner mit Augen aus \u2013 ach so, nee, Rosinen haben sie auch nicht, nehmen wir M\u00fcsli.<\/p>\n<p>Eines Tages kommen wir nach Hause und stellen fest, dass gar nichts da ist, weder Strom, noch Milch, noch Eier noch Schokoladenaufstrich f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fccksbrot noch Fr\u00fchst\u00fccksbrot f\u00fcr den Schokoladenaufstrich. Nur noch kleine, harte, bittere Kakaotabletten, die zum Kochen oder Backen (oder Werfen) gedacht sind. Ich mische also Milch aus Kaffeewei\u00dfer an, \u00fcberliste den Gasbackofen (man muss mit den kurzen Streichh\u00f6lzern aus Wachs, die manchmal funktionieren, eine Kerze anz\u00fcnden, dann an der Kerze ein langes Holzstreichholz entz\u00fcnden, die gehen selbst n\u00e4mlich nicht an, dann mit dem langen Streichholz das Gas im Ofen unten anz\u00fcnden, wobei man in den Ofen kriechen und das Streichholz gezielt werfen sollte, sonst brennt die K\u00fcche ab), backe die halbe Nacht Hefebr\u00f6tchen und r\u00fchre aus Butter, Zucker und dem Kakaozeug einen Schokoaufstrich zusammen, den ich am Morgen stolz den Kindern pr\u00e4sentiere.<\/p>\n<p>Die kleine No kratzt als einzige begeistert mit dem L\u00f6ffel in dem gro\u00dfen Glas herum, immerhin reicht das Zeug nun f\u00fcr Wochen, ist aber leider steinhart geworden \u2013 und wirft es dann versehentlich auf den Boden, so dass die Scherben nach allen Seiten spritzen und wir den Rest wegwerfen m\u00fcssen. Irgendwie glaube ich, sie heimlich grinsen zu sehen. So entsorgt man seltsames Essen \u2026 Als Pausenbrot gibt es jetzt Hefebr\u00f6tchen von Mama, sage ich, Basta, was anderes haben wir nicht, und Ihr m\u00fcsst sowieso lernen, nicht immer nur Fertigessen mit Backtriebmittel und Geschmacksstoffen zu m\u00f6gen und &#8230;<\/p>\n<p>Lintje legt tr\u00f6stend die Arme um mich. \u201eNat\u00fcrlich essen wir die Br\u00f6tchen!\u201c, sagt sie. \u201eWei\u00dft du, Mama, man muss das. Die Leute im Gef\u00e4ngnis fr\u00fcher haben auch ihre Schuhe gegessen.\u201c<\/p>\n<p>So viel zu meinen \u00f6kologischen Kochk\u00fcnsten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die madegassische K\u00fcche ist sehr vielf\u00e4ltig. Es gibt Reis, Reis und au\u00dferdem Reis, meistens mit Soupy. Soupy ist, wenn ich es richtig verstanden habe, hei\u00dfes Wasser. Nein, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sagen wir, es ist lauwarm. 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