Mephisto in Venedig

Immer, wenn ich nach Leipzig komme, ist die Hälfte der Leute dort verkleidet. Letzten Sommer liefen blaue Biber herum und machten S-Bahn-Reklame, diesen Frühling waren es die Mangafiguren auf der Messe. Wir besitzen einen Reiseführer, in dem stehen Dinge wie “Rügen ist das Sylt Vorpommerns” oder “Deutschland ist die Türkei Amerikas”. Der hätte geschrieben: Leipzig ist das Venedig Sachsens. Wir fahren also ins Venedig Sachsens, um der schönen Helena von Offenbach einen Besuch abzustatten.
Leipzig, sagt mein Mann, wollte er sich immer schon mal angucken. Es ist aber gar nichts von Leipzig zu sehen: Die Stadt ist schwarz. Wir sind in einen überdimensionalen Ameisenhaufen geraten. Aber die Ameisen tragen Häkel-Schirmchen und Reifröcke und nicht nur die Damen schielen unter hoch aufgetürmten Frisuren hervor – alles wie gesagt in schwarz. Ein Taxifahrer erzählt uns, dass sich heute schon einer hinten querlegen musste, damit seine meterhohen gegelten Haarspitzen nicht an die Decke stießen. Auch Strumpfhosen mit kindskopfgroßen Löchern sind in, dazu lange Plastikschwerter und rasselnde Ketten.
Allgemein berechnet sich die Kleideretikette nach BMI: Bei Übergewicht sind Reifröcke indiziert, wobei darauf zu achten ist, dass der obere Teil der Person aus einem steifen Korsett herausquillt. Bei Untergewicht werden hautenge Taillenschnürung und hüfthohe Stiefel verschrieben (normalgewichtige junge Leute gibt es heute nicht mehr). Männer sollten Netzhemden und Plateauschuhe tragen; schwarze Spitzenfächer sind für alle erlaubt. Denn es ist heiß. Der Schweiß rinnt in Strömen durch schwarze Schminke und über gepiercte Augenlider. Offenbar sind einige der Betroffenen bereits an Hitzschlag gestorben: Ihre Freunde tragen die Totenschädel getreulich bei sich, viele praktisch zu Gürtelschnallen oder Halsketten verarbeitet. Das mit dem Sterben muss häufiger vorkommen: Der Totenkopf als Muster begegnet uns überall. Neben schwarz gibt es ihn in fröhlichem Glitzerpink. Wir kennen solche Totenkopf-Liebe nur aus Mexiko von den Mayas, die gern damit Fußball spielten.
Doch die jungen Leute behaupten, sie wären keine Mayas, sondern nur Teil des GWT.
Grausliches Wett-Triefen? Großes Fest der Wahrhaft Toten? Gesundheitsforum deutscher Wassertreter? Nein, das Gotik-Wave-Treffen. “Soso”, sagen wir und fahren zu unserer Operette. In der S-Bahn läuft über den Bildschirm der bekannte blaue Biber. Und Offenbachs Helena hat einen halben Schwan auf dem Kopf – zum Glück auch schon tot. Wir sind kaum erstaunt, als Paris in Begleitung einer Eisbärin mit Hängebusen die Bühne betritt. Ja, Leipzig liebt das Verkleiden … Spät in der Nacht kommen wir im schwarz-ledernen Gedränge an Auerbachs Keller vorbei. Und ich begreife: Der arme Faust hat alles falsch verstanden! Mephisto war gar nicht Mephisto! Den hatte nur der Leipziger Verkleidungswahn gepackt. Reiner Zufall, dass er ein schwarzes Gotik-Wave-Kostüm wählte und nicht als blauer Biber erschien. Oder als großbusiger Eisbär. Bleibt die Frage, ob das nun Glück oder Pech ist für die Weltliteratur …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.