Unfall mit kleinem Finger

Gewöhnlich beruhigt sich unsere Tochter, wenn man ihr den kleinen Finger in den Mund steckt. Neulich jedoch verlangte sie nach interessanterer Unterhaltung. Ich setzte sie ins Auto, und wir fuhren durch den wunderschönen Herbstag – bis das Auto in einer Kurve auf ein paar wunderschönen Herbstblättern ausrutschte.
Vor Schreck bekam es Schluckauf, drehte sich und schlitterte bergab in Richtung Straßenrand. Ein etwa mammutgroßer Findling sauste auf mich zu, und mein Leben passierte Revue: Ich sah vor mir, wie mein Golf 1 bei Glatteis in den Graben rutschte und dort von einem Igel zertreten wurde. Wie ich mit unserem betagten Boot drei Mastbrüche nacheinander schaffte, weil ich den Fehler machte, bei Wind zu segeln. Wie das Schutzblech meines geerbten Fahrrades sich ablöste und in die Speichen geriet …
In diesem Moment stoppte der Findling unser Geschlitter, und ich stellte erstaunt fest, dass ich noch lebte. Zur Beruhigung steckte ich erstmal den kleinen Finger in den Mund. Hinten saß die Kleine und strampelte fröhlich.
Ich versprach dem 200 Jahre alten Herrn, dem der von mir befahrene Garten gehörte, umgehend einen neuen Zaun zu häkeln. Dann ließ ich mich von zwei zufällig vorbeikommenden Nachbarn nach Hause bringen. Sie wollten auch gleich das Auto von der Straße ziehen, aber leider funktionierte das nicht, denn ein ungefähr bis zum Erdmittelpunkt einbetonierter Zaunpfahl hatte sich von unten ins Auto gebohrt. Ob man nun doch einen Abschleppwagen holen sollte?, fragten sie mich am Telefon. Von mir aus, sagte ich und steckte wieder den kleinen Finger in den Mund.
Dann rief der Sohn des 200Jahre alten Mannes an. “Herzlichen Glückwunsch”, sagte er. “Sie sind die 54. Person, die dieses Jahr in unserem Zaun landet. Ich habe die Polizei gerufen, weil ich die Unfallberichte sammle.” Originelles Hobby.
Als nächstes rief mein Mann an, der auf dem Heimweg an den Resten unseres Autos vorbeigekommen war. Im Hintergrund schrie ein Polizist herum. “… werde sie anzeigen!”, hörte ich ihn brüllen. “Sie haben sich illegal vom Unfallort entfernt!”
“Wieso entfernt?”, fragte mein Mann verwirrt. “Ich bin doch eben erst gekommen!”
“Aber ihre Frau hätte hier bleiben müssen! Außerdem hätte sie sofort mit dem Kind in die Klinik fahren müssen! Wie, sie ist Ärztin? Aber sie hat ja zu Hause  kein, äh,  kein Rötungsgerät! Und keinen Ultraknall! Ich zeige sie an wegen unterlassener Kindesbesorgnis! Und wegen Alkohol am Steuer!”
“Er meint den Eierlikörfleck am Lenkrad”, erläuterte mein Mann. “Wo dieses Osterei lag.”
“Steck doch dem Polizisten den kleinen Finger in den Mund”, schlug ich vor, “damit er sich beruhigt.” Doch es half wohl nichts, denn der Polizist brüllte jetzt: “… fahren ohne Licht!”
 “Das Auto steht doch”, sagte mein Mann, “und der Motor ist aus.”
“Wollen sie damit sagen, ich habe unrecht?”, kreischte der Polizist. “Beamtenbeleidigung! Außerdem läuft das Auto auf Antonia Michaelis, obwohl ihre Frau jetzt Klein heißt! Vorspielung falscher Tatsachen! Und hier, ein toter Käfer unter dem Hinterreifen! Fahrlässige Tötung!
Und – ”
In diesem Moment erschien der Abschleppkran, um das Auto und den hyperventilierenden Polizisten zu bergen. Das Auto haben wir neben das Boot in den Garten gestellt, auf den Friedhof der Kuschelfahr-
zeuge. Was mit dem Polizisten geschieht, ist noch unklar.
Wir waren nachts mit dem völlig gesunden Kind in der Klinik, nur falls er uns anzeigt. Dort wankte er in der Notaufnahme umher und lallte “böswillige Identitätskrise … Beschädigung von Meineid …” Unsere Tochter beobachtete interessiert, wie man ihn auf die psychiatrische Station brachte. So schöne abwechslungsreiche Tage könnten wir ihr ruhig häufiger bieten.

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