Einschlafen für Anfänger

Stillen macht hungrig, lese ich in einem Elternratgeber, und Kinderziehung ist ein heikles Thema. Nun, UNSER Kind erzieht uns nach den neuesten Ergebnissen der Verhaltensforschung. Zum Beispiel die berühmten Rituale beim Schlafengehen: “Singt doch ein Liedchen”, schlagen unsere weisen Eltern vor. Ein Liedchen? Hah! Unsere Kleine hat andere Ansprüche. Nach dem Nachtmahl und der nasalen Aromatherapie beim Wickeln wird im Bad geturnt (dabei esse ich eine Tafel Schokolade, denn Stillen macht hungrig).
Anschließend ist eine  Wellnesseinlage angemessen, hier eignet sich warme Föhnluft, Fußreflexzonenmassage oder Warmwassergymnastik (währenddessen esse ich zwei Tafeln Schokolade). Danach muss im Wohnzimmer getanzt werden, aber nur im Licht der roten Lieblingslampe und nur zu Leonhard Cohen! (Ich esse drei Tafeln Schokolade)
Sodann wird das Bett mittels eines Körnerkissens vorgewärmt und dort ein wohl temperierter Tee gereicht. Bis dahin hat sich die junge Dame meist überlegt, dass sie lieber doch nicht ins Bett gehen möchte. Wir weisen sie darauf hin, dass Spieluhren Kinder zum Schlafen bringen, und ziehen unsere auf. Leider kann sie die Spieluhr nicht HÖREN, da sie zu laut schreit. (Im Elternratgeber steht, abendliches Baden wäre gut gegen Einschlafschwierigkeiten. Baden mache müde. Das stimmt. Es macht die Eltern müde. Das Kind wacht davon auf).
Schließlich fallen wir erschöpft aufs Sofa, wo ich vier Tafeln Schokolade esse. Ungefähr dann merken wir jedes Mal, dass wir die D-Fluorette vergessen haben: Eine kleine, egozentrische Tablette, die jeden Tag genommen werden will und darauf besteht, dass man sie im Dunkeln aufbewahrt (vermutlich hat sie sonst Einschlafschwierigkeiten). Da der Körper Vitamin D bei Sonnenlicht selbst herstellt, scheint die Tablette vor allem den Gefahren einer plötzlichen Sonnenfinsternis vorzubeugen. Das Fluor hingegen ist gut für die Zähne, die das Kind noch nicht hat.“Sollen wir sie für diese wichtige Tablette wirklich nochmal wecken?”, stöhnt mein Mann. Wenn wir es tun, stellen wir meistens fest, dass entweder die Teeflasche oder das Kind ausgelaufen sind.
Wir beginnen also das ganze Abendritual von vorne, und nun ergibt sich die prekäre Frage: Welchen Body ziehen wir dem Kind an? Es ist eine merkwürdige Eigenschaft von Bodys, immer in der Wäsche zu sein. Egal, wie viele man besitzt und wie oft man wäscht, sie akkumulieren dort. “Es ist nur noch der mit der schielenden rosa Biene da”, sage ich. “Oder bevorzugst du die türkise Mickey Mouse mit den entgleisenden Gesichtszügen?” Aus irgendeinem Grund haben Designer das abstruse Bedürfnis, Kinderkleidung mit Motiven auszustatten, die Exemplare der Tierwelt unter Drogeneinfluss zeigen. Wir entscheiden uns für den violetten Body mit dem ganz offensichtlich kotzenden, dreibeinigen Nilpferd, und schließlich liegt unser Kind im Bett.
Ich schleppe mich zum Schrank und greife mit letzter Kraft nach einer Familienpackung Pralinen … Gibt es eigentlich, analog zum plötzlichen Kindstod, den plötzlichen Elterntod? Am nächsten Morgen erhalten wir die Belohnung für all unsere Anstrengungen. Nein, es ist nicht das erste Lächeln. Es ist der erste Brief an unsere Tochter – mit ihrer persönlichen Steuernummer.

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