Keksbrei für Tiger

Das Murmelkind möchte nicht verreisen. Leider muss es, denn wir fahren nach Zürich: Die erste Lesereise seit langem.  “Wir nehmen meine Mutter mit”, sage ich, “die kann auf dich aufpassen, während ich die Leute mit meinen Texten langweile.”
“Möööö!”, ruft das Murmelkind, schüttelt den Kopf und wedelt mit beiden Armen. Da es in einer Hand die Tischdecke hat, unterstreicht eine Lawine von Geschirr die Aussage.
“Wir nehmen auch dein Bett mit. Und das Mobile.” “Raaa!”
“Und … deinen Spieluhrhasen, und die Holzrassel, und die Lieblingsdecke und … und du darfst vorher endlich anfangen, Brei zu essen.” Das Murmelkind überlegt sich die Sache.
Wir beginnen nach einem Spaziergang in einem Cafe mit dem ersten Brei. Zuerst ist er kalt, und daher hart. Beim Erwärmen wird er weich (Wie viel Wachs ist in diesem Brei?) und klebt schön. Das Murmelkind schluckt bereitwillig Löffel um Löffel … nachdem es sieben Teelöffel verschluckt hat, isst es endlich auch etwas Brei. Zwischendurch stopft es sich beide Hände samt Serviette in den Mund und versucht, gleichzeitig zu reden. Und schließlich klebt alles: Serviette, Kind, mein Mann, ich … wieso kommt die Bedienung nicht wieder? Wir würden gern gehen … “Ich kann nicht!”, ruft sie aus der Küche. “Ich klebe auf einem Breispritzer fest!”
Am nächsten Tag stecke ich das Gläschen in die Mikrowelle. Als ich gerade den Kinderwagen ins Auto hieve, höre ich eine Explosion von drinnen. Aha, der Brei. Die Tür der Mikrowelle ist nun für immer zugeklebt.
Egal, ich habe anderes zu tun: Ich staple den Schlafkorb auf den Kinderwagen, stopfe den Vorratspack Windeln (2000 Stück) darunter und fülle Rucksäcke mit Kinderkleidern, Ersatzkleidern und Ersatz für die Ersatzkleider. Die Krabbeldecke streitet sich mit dem Schneeanzug, der Wickelunterlage und einer Fuhre Babyhandtücher um den Rücksitz. In den Ritzen klemme ich die Kinderfutterdosen fest, Verzeihung: Die Brei-Gläschen. Gute-Nacht-Aprikose-Babykeks, Guten-Morgen-Reis-
schleim-Eukalyptuswurzel, Guten-Tag-Banane-Sägemehl … Gute Reise gibt es nirgendwo.
Als ich dem Kind etwas Apfel-Rockfort-Zwieback-Brei füttere, holt es aus und wirft den Brei durch die offene Tür aufs Auto, wo er die Fahrertür binnen Sekunden wasserdicht zuklebt. “Siehst du”, scheint die Kleine zu sagen, “jetzt können wir gar nicht verreisen.” Sie strahlt glücklich, und da sehe ich es: Aus lauter Reise-Protest kriegt das Kind zwei Zähne! Sekunden später fällt ihr auf, dass Zähnebekommen eine blöde Idee war. Es tut weh. “Ich stähärbe!”, schreit sie (oder so ähnlich), “Tu was!”
Ich tröste, verabreiche Schmerzzäpfchen und betäubende Salbe, trockne Tränchen, bewundere Zähnchen … “Jetzt fahren wir nicht mehr, oder?”, fragen die feuchten Augen der Kleinen. “Jetzt hörst du doch auf, zu packen?” “Nein”, sage ich hartherzig. “Jetzt packe ich die Babyzahnbürste ein.” Auf dem Beifahrersitz ist noch Platz für dreizehn Tuben Kinderzahnpasta, einen zahnärztlichen Ratgeber und ein Erste-Hilfe-Kit. Ich klettere von hinten ins Auto, da die Fahrertür ja zugeklebt ist. Meine Mutter nimmt im Handschuhfach Platz.
“Halt!”, ruft mein Mann. “Ihr habt vier platte Reifen! Wie kommen denn die Löcher da rein?”
Ich drehe mich um. Die Kleine schläft im Kindersitz, erschöpft von all dem Protestgebrüll. An einem ihrer Zähnchen hängt ein Stück Gummi. Und es kommt mir vor, als würde sie triumphierend lächeln …

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