Nur ein wenig Tannengrün

Es dürfte auch den hartnäckigsten abendländischen Antichristen aufgefallen sein: Der Advent hat uns mal wieder. Wo man hinguckt, blinken die Tannen, und aus den Gullis sprießen die Filz-Rehe. Aber nun erwarten Sie bloß keinen klagenden Blog über den Weihnachtskommerz von mir. Ich mag den Kommerz. Leider haben wir ihn nicht. Denn wir leben, wie Sie wissen, auf dem Land. Die Rehe bei uns sind nicht aus Filz und nagen die Obstbäume an, und wenn die Tannen blinken, sollte man seinen Alkoholspiegel überdenken.
“Auf dem Land”, verkündet mein Mann, “schmückt man das Haus im Advent nur mit ein wenig Tannengrün. Ganz schlicht.” Das ist gut, den Adventsschmuck habe ich nämlich gründlich verlegt. Das einzige, was ich hinten im Schrank entdecke, sind die Osterhasen-förmigen Eierwärmer. Dabei fällt mir die Schulsekretärin von neulich ein. “Sagen Sie”, fragte ich, “wozu hängen sie denn diese pinken und hellgrünen Bastblumen auf?”
“Ach”, meinte sie fröhlich, “das ist der Frühjahrsschmuck. Den Weihnachtsschmuck konnte ich nicht finden.” Soll ich also die Osterhasen-Eierwärmer an den Adventskranz …?
“Komm!”, sagt mein Mann und stülpt seine Pelzmütze über. Da die Leute immer noch “herrje” statt “hallo” und “gute Besserung” statt “auf Wiedersehen” zu mir sagen, wickle ich mich in fünf Schichten Wolle. So stapfen wir, bewaffnet mit Klappsäge und Heckenschere, kurz darauf durch den Wald. Falls dies ein leicht beeinflussbarer Jugendlicher liest: Es ist verboten, im Wald Äste abzuschneiden! Wenn der Förster einen dabei erwischt, darf er einen hauen oder vielleicht auch erschießen. Viele angebliche Rehrücken sind ja dubioser Herkunft … Der Reiz des Verbotenen treibt uns tief in den dunklen Tann. Ab und zu grunzt einer von uns, damit der andere denkt, es wäre ein Wildschwein oder ein Jäger. Die echten Schweine und Jäger, die vorbei kommen, wundern sich sicher.
“Haben wir nicht langsam genug Äste?”, frage ich. Verbissenes Sägen. “Und jetzt? Reicht es jetzt?” “Nur noch die paar!”, murmelt mein Mann. Er gibt erst auf, als es so dunkel ist, dass er versehentlich einen Telegrafenmasten ansägt. Kurz darauf ist die Küche zu Hause hüfthoch angefüllt mit einem Meer aus Fichtenästen. “Welche Ausbeute!”, ruft mein Mann triumphierend. Wir schleppen große Baueimer heran und füllen sie mit Zweigen, und bald sind überall grüne Sträuße: Auf den Schränken, den Tischen, den Kommoden … Den Rest der Äste verteilen wir auf den Fensterbrettern und im Vorgarten. “Zeit fürs Abendbrot!”, hauche ich schließlich erschöpft und falle auf einen Stuhl. Ein Ast ragt mir vom Regal her ins Ohr.
“Ja”, sagt mein Mann. “Aber – wo ist der Kühlschrank?”
Alles, was man sehen kann, ist Tannengrün. Über uns turnt ein Eichhörnchen durchs Geäst. Eine Meise baut auf dem Geschirrschrank ihr Nest. Ein Igel gräbt im Nadelhaufen unter der Eckbank nach Schnecken, und zwei Kaninchen tun im Fichten-Dickicht unter der Anrichte nicht-jugendfreie Dinge. Das Telefon klingelt. Ich krieche durchs Geäst und finde es in einem Fuchsbau. “Ich wollte euch gerade besuchen!”, sagt meine Freundin in der Leitung. “Aber ich konnte das Haus nirgends finden. Dort, wo es sonst immer stand, hat jemand einen Nadelwald gepflanzt … ”

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