Der Sinn unser Bräuche – eine Abhandlung

Weihnachten ist seit jeher mit einer Vielzahl an unverständlichen Bräuchen verbunden: Warum feiern wir die Entbindung eines unehelichen Kindes in Israel mittels Tannenbäumen, Nelken, Blechglocken, Marzipan und großen Mengen von Alkohol? Warum gedenken wir des warmen Klimas in Bethlehem durch Sprühschnee? Und woher kommen die Rentiere? Handelt es sich um die Verwechslung mit Kamelen? Wieso hängt an unserem Weihnachtsbaum jedes Jahr eine Spielzeugfeuerwehr? All diese Fragen haben sich die Engländer ebenfalls gestellt und sich auf logischere Advents-Ausrüstung verlegt: Rotkehlchen, Stechpalmen, Postkarten auf dem Kaminsims und ungenießbaren Pudding mit Geldstücken. Ein anderer Teil der englischen Adventsausrüstung ist die Mistel. Was sie mit Weihnachten zu tun hat, weiß niemand, aber man muss sie haben. Vielmehr muss man sie aufhängen (nicht jedoch kreuzigen!), um darunter dann jeden zu küssen, den man dort trifft. Eventuell hat ja das Küssen mit christlicher Nächstenliebe zu tun …
“Nun haben wir ein Haus”, sagt mein Mann, “da müssen wir wohl auch eine Mistel aufhängen.”
Ein Jäger versucht, uns eine für 15 Euro zu verkaufen. Wir lehnen ab. Auf dem Land kann man seine Mistel sicher selbst pflücken. Leider haben Misteln aber eine unvorhergesehene Eigenschaft: Sie hängen schon von sich aus. Und zwar sehr hoch. Der Jäger hat seine Misteln vermutlich vom Baum geschossen. Mangels eines Gewehrs ziehen wir in den Wald hinaus (Marzipan und Alkohol mit Nelken im Gepäck) und suchen eine tief hängende Mistel. Einige Rotkehlchen im Geäst klingeln manisch mit goldenen Blechglocken, doch der Wald ist nass und grau. Wir haben den Sprühschnee vergessen.
“Liebling”, sage ich. “Da bei den Pappeln gibt es Gewitter. Die Misteln hängen tief dort.”
Wir stapfen durch eine Kiefernschonung (etwas, das sonst nur der Zahnarzt empfiehlt). Die Misteln hängen wirklich tief. Ungefähr vier Meter tief.
“Jetzt wäre ein Rentier gut”, sage ich, “um auf seinen Rücken zu steigen. Du siehst: Alle Weihnachtsbräuche haben einen Sinn.”
“Natürlich”, sagt mein Mann und wirft Marzipan-Kartoffeln auf die Misteln. Danach ent-asten wir eine kleine Tanne und benützen sie als Angel. Die mistigen Misteln krallen sich stur fest. Da fällt mir die Spielzeugfeuerwehr ein. Alle Weihnachtsbräuche haben einen Sinn. Wir mieten also ein freiwilliges Feuerwehrauto, fahren die Leiter aus und zeigen es den Misteln. Hah!
Einen Tag später schlendern wir über den Polenmarkt, wo man uns nicht nur “Weltfisch und andere Vorthilichkeiten” anbietet, sondern auch Misteln: Große Misteln, kleine Misteln, Misteln mit und ohne Beeren – Strauß ein Euro. Doch überall an unseren Türen hängen schon Misteln, auch unter der Eingangstür. Seither musste ich zwei Schornsteinfeger, einen Spediteur und sieben Postboten küssen. Das ist etwas lästig, aber wir bekommen jetzt viel mehr Postkarten für den Kaminsims. Alle Weihnachtsbräuche haben einen Sinn.

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