Schweizer Lese

In England arbeiten die Inder, in Bayern die Türken. In der Schweiz arbeiten die Deutschen. Dass dies ein Sprachproblem mit sich bringt, wird spätestens dann klar, wenn ein Schweizer Lehrer auf einen deutschen Autor zueilt und ungefähr folgendes sagt: “Ch-ch-chgli, Eu-chrrrr, chrrrschtschl, cchrgli, chrrr?”
Anfangs warf mich solches aus der Bahn; heute nicke ich souverän und erwidere: “Danke gut, und Ihnen?”

Wichtig ist beim Lesen in der Schweiz das Tempo. Ich habe mir angewöhnt, im Norden normal zu lesen, in Frankfurt alle fünf Minuten ein türkisches Wort einzubauen (ich kann leider nur drei: Danke, bitte und Gemeindeverwaltung) und in Oberbayern nach jedem Absatz lautlos bis drei zu zählen. In der Schweiz zähle ich nach jedem Wort.
Doch hier sei nichts gegen die Schweizer gesagt! Sie sind treue und sehr betuchte Kunden. Im Advent stellen sie auf dem Zürcher Bahnhof keine Fichte auf, sondern einen glitzernden Swarovski-Baum von der Größe eines Brontosauriers, und kleinere Beträge wie 4 oder 5 tausend Euro zahlen sie gerne bar.
Auch lieben sie Ausflüge zur Förderung des Gruppengeists. So trieb letztes Frühjahr ein Schweizer Veranstalter seine Herde deutscher Fremdautoren über die Kuhweiden nach Appenzell; das Wochenhonorar für vier Autoren locker in der Po-Tasche. Leider litten zwei von ihnen (mich eingeschlossen) an Heuschnupfen, und so verteilten sich die Hunderter, angetrieben von unseren Niesern, auf ganz erstaunliche Weise im Schweizer Bergland … Appenzell, so schrieb ich an einen Freund, lohnt die Reise allein der Allergene wegen.
Bad Zurzach hingegen lohnt sich schon, weil man durch die Bahnhöfli von Oerlikon und Eglikon fährt. Eines Tages werde ich eine Schweizer Pokemon-Sorte erfinden: Oerlimon und Eglimon – der geneigte Leser möge sich selbst vorstellen, wie diese Monster aussehen. In jedem Fall sind sie pünktlich und sagen wenig.
“Unsere Schüler”, versicherte man mir nach einer Lesung, “haben sich das Schweigen der Berge bewahrt”. Da die Lesung um halb acht stattgefunden hatte, hielt ich es für wahrscheinlicher, dass die bedauernswerten Schüler noch geschlafen hatten. Ich selbst, kaffee-los, frühstück-los, müde, las vier Stunden am Stück in verschiedenen Klassen, bat um ein trockenes Brötchen, bekam genau dieses und überlebte den Tag nur auf Grund einer außergewöhnlichen Sternenkonstellation.
Mittags sah der Schuldirektor mir tief in die Augen und erklärte, ich wäre ein von Grund auf schwermütiger Mensch, was ich durch lebhaftes Auftreten überkompensierte. Gebt mir mehr Alkohol und weniger Psychoanalyse! Verständnisvoll taten die Schweizer genau das und nahmen mich auf eine Weinprobe mit, wo ich lernte, dass es in Italien 161 Raps-Sorten gibt. Was, fragte ich mich, wollen die Italiener mit so viel Raps? Leider handelte es sich nur um die Schwiezer Aussprache von “Reb-Sorten”. Der Mann einer Lehrerin war nicht dabei, weil er sich ein Lokal-Matsch ansah. Lokal-Matsch? Ich erwartete experimentelle Kunst, Kiefer-goes-Switzerland oder ähnliches. Aber nein, es handelte sich um ein Fußball-Matsch. Schade.

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