Züricher Spezialitäten

Zürich ist eine schöne Stadt: 27 Starbucks-Cafés und jede Menge Geschäfte. Im Herbst erstand ich in Zürich den neuen Wolf-Erlbruch-Kalender, DIN A2, dessen ungeknickter Transport nach Vorpommern sich etwas schwierig gestaltete. Eine Woche später stellte ich fest, dass es in meiner Stammbuchhandlung zu Hause den gleichen gab… Meiner ist aber schöner, denn er war doppelt so teuer.
Diesmal finde ich bei meiner Ankunft im Hotel eine dicke Mappe voller Fahrplänen sowie ein Zettel: Mittwoch, 19 Uhr, Foyer, Apero. WO ist das Hotel Apero? Im Frühstücksraum sitzen lauter einzelne Touristen, die ich fragen könnte. Doch vermutlich sprechen sie nur russsich oder chinesisch oder katalan.
Ich fahre mit drei verschiedenen S-Bahnen zur ersten Lesung, mit zwei Trams und vier Bussen zurück und beginne, das Apero zu suchen. Der Name kommt mir spanisch vor. Doch keine der Tapas-Bars kann mir helfen. In den Designläden schüttelt man die Köpfe. Aber ein Paar bunte Turnschuhe könnte ich kaufen, sind runtergesetzt, kosten jetzt nur noch 10 000 Euro. Auch nebenan nur Schulterzucken. Ob ich nicht lieber eine Peepshow besuchen wollte? Es gäbe diese Woche knackige Damen im Bergschnee zu sehen, bekleidet nur mit Skiern… stur beharre ich auf dem Apero. Vielleicht ist es ja französisch – Aper-O? Ich frage den nächsten Dönermann und ernte Kopfschütteln. Allerdings gibts bei ihm ein Döner für schlappe 10 Euro. Das ist mir zu billig, sage ich angewidert und gehe.
Am nächsten Morgen sitzen die Einzeltouristen alle über Stadtkarten gebeugt. Ich fahre mit drei S-Bahnen zur ersten Lesung und mit zwei Bussen sowie vier Regionalzügen zur nächsten.
“So”, sagt die Lehrerin am Ende. ”Und jetzt stellen wir die Finken auf den Rost.”
“Beim Frühstücksbuffet in meinem Hotel gibt es gar keine gegrillten Singvögel”, meckere ich. Nein, erklärt man mir, Finken sind schwiezerisch für Hausschuhe. Und der Rost ist schwiezerisch für Schuhregal. Schade. Der Mittwoch naht. Beim Frühstück sehen die Einzeltoursten ratlos aus. Ob die auch die gerösteten Finken suchen? Ich fahre mit 17 S-Bahnen, 15 Bussen, 19 Trams und 31 Regionalzügen zu meiner Lesung. Nachmittags frage ich die Empfangsdame in meinem Hotel nach dem Apero. Sie legt die Stirn in Finken – Verzeihung, Falten. “Sicher japanisch!”, meint sie, “A-Pe-Ro. Vielleicht eine Sushi-Bar.”
Gibt es dort in diesem Fall rohe Affen? Ich reiche ihr den Zettel.
“Ach, Aa-pero!”, ruft sie. “Betont auf der ersten Silbe! Das ist schwiezerisch für Aperitif!”
Um 19 Uhr versammeln sich die russischen, katalanischen und chinesischen Touristen im Foyer zu besagtem Aperitif. Es sind alles deutsche Autoren. Auch sie suchen seit drei Tagen das Hotel Apero. Schwiezerisch ist eine schöne Sprache.
“Jetzt”, sage ich am nächsten Tag zu den Kindergartenkindern. “Bringt mir mal ein richtig schwiezerisches Wort bei, mit vielen Chchchch.”
Die kleinen Schwiezerli überlegen lange. “Ich habs!”, ruft schließlich eines. “Maus!”

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