Winterzeit ist Trollzeit

“Wieso hast du ein Loch ins Knäckebrot genagt?”, fragt mein Mann.
“Hast du nachts unter den Dielen genagt?”, frage ich.
“Bist du über die Butter gegangen?”, fragt er. “Es sind Fußabdrücke drin.”
“In meiner Schuhgröße?”.
“Weiß ich nicht”, sagt mein Mann. “Sie waren zu klein, um die Größe lesen zu können.”
In diesem Moment raschelt es unter dem Ofen. “Trolle”, vermute ich. Wir lauschen. Der Troll sortiert jetzt im Küchenregal etwas um. Anschließend räumt er hinter dem Kühlschrank auf. Ich wusste gar nicht, dass es dort unordentlich war. Und schließlich spaziert der Troll mitten durch die Küche. Er ist braun und hat Schnurrhaare. Vielleicht ist es ein Troll, der sich als Maus tarnt. Oder eine Maus, die sich als Troll tarnt.
“Hast du ein Loch ins Knäckebrot genagt?”, fragt mein Mann streng.
Der Mausetroll schweigt verlegen. Wir mögen Trolle, aber wir wollen unser Brot selbst essen. So besorgen wir eine Falle und legen etwas Käse hinein. Am Morgen sitzt ein satter Troll in der Falle und gähnt. Mein Mann wartet höflich, bis er seine Schnurrhaare geputzt hat, danach setzt er ihn auf den Komposthaufen. Da gibt es schon einen kleinen Hauseingang – wahrscheinlich von der Tante des Trolls. Kaum sind wir wieder im Haus, hören wir es unter den Dielen arbeiten. “Noch einer!”, sage ich. “Macht Skulpturen aus dem Styropor der Isolierung!”
“Und was ist, wenn er den Styropor abbaut und verkauft?”, meint mein Mann.
Wir stellen die Trollfalle noch einmal, falls der Fußbodentroll rauskommt. Diesmal schnappt sie so schnell zu, dass der darin keine Zeit hat, den Käse aufzuessen. Mein Mann gibt ihm das Stück Käse mit auf den Weg. Seitdem stellen wir jeden Abend die Falle auf. Wir lassen uns vom nächsten Ökoladen mit Kisten voll Käse beliefern, und manchmal legen wir ein Stück der ZEIT dazu, falls die Trolle früher aufwachen als wir und sich langweilen. Unter den Dielen jedoch nagt es weiter. Der da unten ist gefährlich und unnahbar. Die harmlosen Mausetrolle kennen wir inzwischen alle – es sind nur fünf. Vermutlich haben sie auf dem Kalender der Tante notiert, wer wann zu uns kommen darf.
“Wir sollten gnadenloser sein!”, sagt mein Mann. “Wir sollten sie viel weiter weg tragen!”
“Und wenn sie nicht zurückfinden?”, rufe ich besorgt. “Wie sollen sie dann die Tante im Kompost besuchen!”
Um ehrlich zu sein, wenn mein Mann nicht da ist, lege ich den Trollen ihren Käse unter den Ofen und lese ihnen vor. Nur der Fußbodentroll hört nicht zu, sondern nagt störrisch vor sich hin. Vielleicht hat er in seiner Jugend zu viel E.A. Poe gelesen, vom Herz unter den Dielen und so. Der Boden sinkt täglich mehrere Millimeter ab. Die Wände haben Risse bekommen und beginnen allmählich, nach innen zu kippen. Von unten kriecht die Kälte herauf, weil der Styropor fehlt. Wenn es zu ungemütlich wird, ziehen wir auf den Komposthaufen. Zu der Tante.

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