Guten Rutsch!

Verehrte Leser (Innen und außen), sicher dachten Sie, der Blog wäre in die Winterferien gefahren. Nach Südtirol, zum Skilaufen oder Jodeln. Sie haben sich getäuscht. Der Blog musste, samt Computer und Schriftstellerin, vorübergehend evakuiert werden. Das kam so:
Unsere Waschmaschine lebte bis vor kurzem noch in der alten Wohnung, doch auch sie hatte vom schönen Landleben gehört und beschlossen, umzuziehen. Leider sind Waschmaschinen, wohl wegen ihres Betonfußes, sehr unselbständig und auf humane Hilfe angewiesen. Wir fuhren sie also holen.
“Ich drehe mal den zuführenden Hahn ab”, sagte mein Mann. Dann sagte er: “Es geht nicht.”
Wir zogen die Maschine beiseite, trennten sie vom Hahn und stellten einen Eimer darunter.
“Ach”, meinte ich. “Wir holen den Vermieter von oben, der kann das Wasser im Bad abstellen.” Der Vermieter wünschte uns einen guten Rutsch und drehte an einem weiteren Hahn. Nichts geschah. “Ach” meinte er, “ich hole meinen Sohn, der kennt sich da aus.” Der Sohn wünschte uns einen guten Rutsch, kletterte auf den Wannenrand und drehte an einem Hahn an der Decke. Nichts geschah. “Ach”, meinte er, “wir holen den Nachbarn. Der hat die Rohre verlegt.”
Offenbar hatte der Nachbar nicht nur die Rohre, sondern auch den richtigen Hahn verlegt. Er wühlte lange zwischen verfaulten Kartons und angeschimmelten Schwimmflügeln in der Abstellkammer, ohne ihn zu finden. Ratlos wünschte er uns einen guten Rutsch. Wir rannten inzwischen mit Eimern und Schüsseln hin und her – leider nicht schnell genug. Das Wasser stand jetzt kniehoch. Die Maschine ließ sich nicht wieder anschließen, irgendwie passte plötzlich nichts mehr zusammen. Ab und zu rutschten wir aus, was sicher an den vielen guten Wünschen lag. “Hier ist noch ein Hahn!”, rief der Vermieter und hob eine Bodenplatte.
“Hier auch!”, rief sein Sohn, der unter die Badewanne gekrochen war.
“Und hier!”, schrie der Nachbar aus dem Einbauschrank. Doch nichts stoppte die Flut.
Mein Mann steckte einen Korken, eine Zahnpastatube und mehrere Kekse in das Rohr, ohne es dicht zu bekommen. Das Wasser stand nun hüfthoch. Während die Männer weitere Hähne suchten, erkundete ich das Feuchtbiotop, das hinter der Waschmaschine zu Tage gekommen war. Wahrscheinlich stand es unter Naturschutz. Der Haupthahn wurde im Schuhregal entdeckt, was allerdings nichts änderte. Ich sage es ungern: Wir verbrachten die nächsten Tage damit, abwechselnd die Leitung zuzuhalten und die Möbel des Vermieters aufs Dach zu tragen. Bis ich an Silvester einen Idee hatte. “Wir nehmen einfach den Gartenschlauch”, flüsterte ich, “und leiten das Wasser durchs ganze Dorf ins Meer!”
Das taten wir, und dann flohen wir still und leise in unser Landhaus. Der Wasserspiegel in der Ostsee steigt täglich. Die meisten Leute glauben, es läge an den abschmelzenden Polen, doch die Polen sind gar nicht schuld.
Unser Haus befindet sich auf einem Hügel. Noch liegt ein weites Feld zwischen uns und dem Strand, aber bald werden wir auf einer Insel wohnen. Vielleicht waschen wir die Wäsche dann vor der Haustür im Meer.

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